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André Brie/Michael Brie/Michael Chrapa
Für eine moderne sozialistische Partei in
Deutschland
Grundprobleme der Erneuerung der PDS
(mit einer Anlage von Dieter Klein zu konkreten Reformprojekten)
1. KRISE DER PDS 3
2. POTENZIALE DER PDS 5
(1) Führungsfähigkeit in der PDS 5
(a) Die innere Zerstrittenheit der Führung und ihre mangelnde Repräsentativität
6
(b) Die Schwäche, offensiv öffentliche Politik zu gestalten 8
(c) Die eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit gegenüber relevanten
Bezugsgruppen 8
(d) Ausbleibende Parteireform 10
(2) Die aktive Mitgliedschaft 11
(3) Die Wählerschaft 13
3. STRATEGISCHE OPTIONEN 14
(1) PDS – Teil des politischen Projekts von SPD/Grüne oder eigenes
politisches Projekt? 14
(2) Die PDS als gestaltende Oppositionskraft – Grundmerkmale einer modernen
sozialistischen Partei in Deutschland 16
(3) Zu den nächsten Aufgaben 19
1. Einleitung einer öffentlichen und offenen Diskussion über das Profil der PDS
auf dem
Geraer Parteitag 19
2. Konkrete Reformprojekte als Maßstab von PDS-Politik 19
3. Parteireform 20
4. Erneuerung der Arbeit des Parteivorstandes 20
5. Öffentlichkeitsarbeit 21
6. Der Geraer Parteitag 21
1
ANLAGE 1: PARTEIEN-IMAGES IM ZEITVERLAUF 22
ANLAGE 2: DIETER KLEIN: ALLTAGSSCHRITTE UND VISIONEN 23
1. Arbeit 24
2. Soziale Sicherheit 25
3. Ein neuer Aufbruch für Ostdeutschland 26
4. Steuergerechtigkeit 27
5. Friede und Abrüstung 28
2
André Brie/Michael Brie/Michael Chrapa
Für eine moderne sozialistische Partei in
Deutschland
Prozent und erlangte nur zwei Direktmandate, obwohl nach den Umfragen, ihre
Akzeptanz als
"demokratische Partei" in der Bevölkerung weiter gewachsen ist. In den
ostdeutschen
Parlamenten stellt sie eine der drei großen Fraktionen und konnte 1998 in
Mecklenburg-
Vorpommern und 2002 in Berlin eine Koalition mit der SPD eingehen.4 2002 hat sie
in
Sachsen-Anhalt ihr Wahlziel verfehlt und in Mecklenburg-Vorpommern Verluste von
rd.
einem Drittel der Wählerschaft hinnehmen müssen. Auch in Berlin ist die
Unterstützung für
die PDS drastisch gesunken. Sie hat sich als Sprecherin Ostdeutschlands, als
Repräsentantin
sozialen und demokratischen Protests und als Friedenspartei eine bestimmte
Achtung
erworben. Die Erfolge der letzten Jahre, so zeigen gerade auch die jüngeren
Entwicklungen,
können aber nur dann dauerhaft werden, wenn die PDS sich den entstandenen neuen
Herausforderungen stellt und ihren Platz als moderne sozialistische Partei in
Deutschland
deutlich, vertrauenswürdig und kompetent bestimmt. Nur dann, wenn es gelingt,
diese
programmatisch und strategische Erneuerung durchzuführen, einen neuen Aufbruch
zu
meistern, der PDS also einen neuen Zweck und Funktionswert - glaubwürdig
gegenüber
breiten Teilen der Bevölkerung – zu geben, wird die PDS die jetzige Krise
überstehen.
Für eine solche Entwicklung der PDS gibt es eine Reihe von Voraussetzungen.
Strategisch
wurde eine Orientierung auf den Doppelcharakter der PDS als
kapitalismuskritische
Oppositionspartei und gestaltende Reformkraft gewählt. Programmatisch wurde eine
Erneuerung eingeleitet, die das Ziel des demokratischen Sozialismus, den Weg
einer
umfassenden Transformation und konkrete Schritte fixiert sowie die Werte von
Freiheit und
Gleichheit radikaldemokratisch zu vereinen vermag. In den einzelnen
Bundesländern und auf
Bundesebene gibt es eine ganze Reihe von Politikerinnen und Politikern und
Experten, die
innerhalb der institutionellen Strukturen der Bundesrepublik kompetent politisch
agieren
können. Die Mitglieder der PDS stützen im wesentlichen die strategische
Orientierung. In
vielen Formen ist die PDS zivilgesellschaftlich in sozialen Organisationen,
Verbänden und
Vereinen verankert. Nach wie vor hat die PDS durchaus ein Wählerpotenzial von
deutlich
über fünf Prozent. Bis zu sieben oder acht Prozent der Wählerinnen und Wähler in
der
Bundesrepublik haben bereits mindestens einmal in der einen oder anderen Form
PDS
gewählt.
Zwischen 1989 und 1993 war es der Führung der SED-PDS und dann der PDS gelungen,
den
Übergang von einer Staatspartei zu einer demokratischen linken Partei formell,
strukturell und
finanziell sowie programmatisch weitgehend zu vollziehen. Fehler wie die
Nichtbereitschaft,
sich sofort vom Eigentum der SED zu trennen und – schlimmer noch, aber
folgerichtig – der
Versuch der Verschiebung von großen Finanzreserven ins Ausland, hatten aber dazu
geführt,
dass die Glaubwürdigkeit der Erneuerung in Frage gestellt war und weitere
wichtige
erneuerungsorientierte Teile der Mitgliedschaft (damals zwischen 30 und 40) auch
noch ein
oder zwei Jahre nach der Wende die PDS verließen.
Der Hungerstreik der Führung der PDS und breite Solidarisierungsaktionen
schlossen diese
Phase der Konsolidierung ab. Eine schnelle Westausdehnung gelang nicht, obwohl
schrittweise wichtige Gruppen und Landesverbände entstanden. Neue westliche
Mitglieder
wurden nicht in den inneren Führungskreis integriert. Es gelang nicht, wichtige
Mitglieder
bzw. stärkere Gruppen aus den Grünen bzw. den linken Kreisen der SPD oder aus
der
parteipolitisch nicht gebundenen Linken in den Gewerkschaften und modernen
sozialen
4 Die Voraussetzung dafür waren Wahlergebnisse von über 47 Prozent in Berlin
(Ost) und über 6 Prozent in
Berlin (West). Im Wahlkampf war es der PDS gelungen, ihr Image als Partei
sozialer Gerechtigkeit,
Friedenspartei und Ostpartei deutlich zu machen. Es wurde in herausragender
Weise durch den
Spitzenkandidaten Gregor Gysi verkörpert. Sein späterer Rücktritt verstärkte
dann aber auch einen rapiden
Zerfall der Zustimmung zur PDS, wobei schon durch Entscheidungen auf Landesebene
und Bundsebene die
genannten Imagewerte teilweise beschädigt waren.
4
Bewegungen zu gewinnen. Die Barriere zu den kritischen westdeutschen
Intellektuellen
wurde nie überwunden. Es wurde ein strategisch-programmatischer Kompromiss
gefunden,
der den Zusammenhalt der PDS sicherte5, orthodoxen Kräften in der PDS einen
Platz ließ und
zugleich weitere Bemühungen der PDS-Führung absicherte, politisch auf der
parlamentarischen Ebene handlungsfähig zu werden und auf Landesebene auch
Koalitionen
mit der SPD vorzubereiten6.
In den Jahren zwischen 1994 und 1998 wurden auf der Basis der mit der
Konsolidierung
gegebenen Ressourcen die Schritte fortgesetzt, um die PDS dauerhaft als
Bundespartei zu
etablieren, ihre Position als eine der drei starken ostdeutschen Parteien
auszubauen und in den
alten Bundesländern Fuß zu fassen. Die Wahlerfolge der PDS zwischen 1994 und
1999 auf
Landes- und Bundesebene sowie bei den Europawahlen verdeckten aber die
einsetzenden
Prozesse der Erosion der Grundlagen dieser Erfolge, die durch die Wahlen im
Jahre 2002
dafür um so deutlicher sichtbar gemacht wurden.
6
Von besonderer Tragweite war die Unfähigkeit bzw. die mangelnde Bereitschaft,
sich einer
nüchternen Analyse auszusetzen und die sich seit 1999 häufenden Warnungen vor
der
Erschöpfung des Potenzials der PDS und der Gefahr sinkender Zustimmung nicht zu
beachten.
Frühere Wahlerfolge hatten zu einer massiven Selbstüberschätzung geführt.
Die Führung der PDS ist (a) zerstritten und auch nur unzureichend repräsentativ
für eine
moderne sozialistische Partei, (b) kaum zu einer offensiven öffentlichen Politik
fähig und (c)
ihre Kommunikation mit der Basis der PDS, mit Sympatisantinnen und
Sympathisanten sowie
mit Akteuren der sozialen Bewegungen ist gestört bzw. schwach entwickelt.8 (d)
Eine
dringend anstehende Parteireform wurde nicht begonnen, die innerparteiliche
Situation wurde
kein zentraler Gegenstand von Führung. Aus der Führungsschwäche der PDS-Führung,
wie
sie nach 1994 zu beobachten war, ist eine offene Krise geworden. Die Führung der
inneren
Prozesse geriet gegenüber dem versuchten Wirken nach außen in einen unhaltbaren
Rückstand, was schließlich auch die öffentliche Ausstrahlung der PDS nachhaltig
beeinträchtigte.9
(a) Die innere Zerstrittenheit der Führung und ihre mangelnde
Repräsentativität10
Im Wahljahr selbst kam es zu einem internen Kampf, der sich in entsprechenden
Beschlüssen
auf dem Rostocker Parteitag (Festlegung auf die Oppositionsrolle) und sofortigem
Unterlaufen dieser Beschlüsse, in der bewussten Lancierung von Informationen
über diese
Gegensätze in die Presse sowie in konträren Botschaften während des gesamten
Wahlkampfes
mündete und die Glaubwürdigkeit der PDS untergrub. Die strategisch-taktischen
Differenzen
beruhen auf einer unterschiedlichen Einschätzung der realen Situation, der
gegensätzlichen
Auffassung bezüglich der Beziehungen zur SPD sowie zu sozialen Bewegungen und
der
verschiedenen Wichtung möglicher Funktionen der PDS selbst. Auf der einen Seite,
in der
Öffentlichkeit als Position wahrgenommen, die vor allem durch den
Bundesgeschäftsführer
vertreten wurde, wurde die Annäherung an die SPD forciert und wurden Schröder
immer neue
8 Eine deutliche Ausnahme stellte die Reaktion der PDS auf den 11. September
dar. Es gelang ihr schnell, sich
intern zu verständigen und auf eine einheitliche Einschätzung und gemeinsames
Herangehen festzulegen, dies
auch deutlich nach außen zu kommunizieren, glaubwürdig die Verurteilung des
Anschlags vom 11. September
mit der Ablehnung des „Krieges“ gegen den Terror und die Hegemonie der USA zu
verbinden. Die PDS stand
mit solchen Positionen als Partei in Deutschland allein und konnte auch viele
bei Demonstrationen mobilisieren.
9 Noch einmal Michael Chrapa und Dietmar Wittich: „Angesichts dieses
Problemstaus muss deshalb von
erheblichen Führungsdefiziten gesprochen werden, die sich faktisch auf alle
Leitungsebenen, vor allem aber auf
die zentralen Gremien beziehen. Dem Anschein nach hat sich die Aufmerksamkeit
der Leitungsorgane (nicht
unberechtigt) in den letzten Jahren vor allem nach ‚außen’ gerichtet, wobei aber
die innerparteiliche Situation
aus dem Blick geriet. Mental gesehen, gab es eher schulterzuckende
‚Teilwahrnehmungen’ der angespannten
Situation, mitunter gepaart mit latenter Verachtung gegenüber der ‚rückständigen
Ost-Mitgliedschaft’ oder den
‚widerspenstigen Wessis’, statt eines wirklichen Aufbruchs. All dies erfährt
durch ein merkwürdiges Paradoxon
zusätzliche Verstärkung: Obwohl ‚innerparteiliche’ Aufgaben eminent wichtig
sind, wird die gründliche
Beschäftigung mit ihnen - im Unterschied zu (karrierefördernder)
parlamentarischer oder Öffentlichkeitsarbeit -
im Rahmen der PDS nicht bzw. nur selten direkt ‚belohnt’. Diejenigen, die solche
Aktivitäten systematisch
anstreben, müssen sich eher noch mit den Vorwurf auseinandersetzen, sie
betrieben „Nabelschau“ oder
‚Selbstbeschäftigung’. Eine derartige Konstellation muss die Probleme anhäufen,
anstatt sie schrittweise lösen zu
können.“
10 Die im weiteren dargestellten Probleme gehen weit zurück. 1995 wurde kritisch
eingeschätzt: „Die
Pluralisierung der PDS ist bis zu jenem Punkte fortgeschritten, wo sie das
notwendige Mindestmaß an
Konsistenz und Handlungsfähigkeit in Frage stellt und in eine organisatorische
Verbindung völlig disparater
Fragmente übergeht.“ Brie, Michael, 1995: Das politische Projekt PDS - eine
unmögliche Möglichkeit. a. a. O.,
S. 11.
7
Angebote auf Unterstützung signalisiert.11 Die Entschuldigung des
Fraktionsvorsitzenden der
PDS beim US-Präsidenten nach einer Aktion von Mitgliedern der Fraktion untergrub
das
Vertrauen linker Kreise in der Gesellschaft in die Verlässlichkeit der
Friedenspositionen der
PDS und hat der PDS außerordentlich geschadet. Das Gespenst von Münster wurde
wach.
Auf der anderen Seite, in der Öffentlichkeit durch die Bundesvorsitzende Gabi
Zimmer
repräsentiert und teilweise als Rückkehr zu einem linken Fundamentalismus
verstanden,
wurde der Oppositionscharakter der PDS betont, sollte die Beziehung zu
globalisierungs- und
kapitalismuskritischen Bewegungen gestärkt werden, wurde eine scharfe Kritik an
der SPDGrünen-
Regierung vorgetragen. Es hat sich also innerhalb der neuen Führungsgruppe von
„Reformern“ ein neuer Grundkonflikt formiert, dessen Austragung noch aussteht.12
Die innere Zerstrittenheit hat die dringend anstehende öffentliche Diskussion
über die
strategische Entwicklung der PDS blockiert. Die Programmdiskussion konnte diesen
Mangel
nicht beheben, da die Gemeinsamkeit aller Führungsgruppen, zu einem neuen
Programm zu
kommen und Widerstände der KPF und des Marxistischen Forums zu überwinden, die
strategischen Differenzen verdeckte. Die politischen Implikationen des
Programmentwurfs
wurden nicht diskutiert, wie überhaupt die Führung sich zwar aktiv an der
Durchsetzung des
Entwurfs beteiligte, aber nicht inhaltlich in die Diskussion eingriff. Die mit
dem
Programmentwurf verbundene strategische Neuorientierung wurde nicht zum
Gegenstand von
konzeptionellen Erörterungen in der Führung der PDS selbst gemacht und nur
entlang des
alten Konflikts „Reformer“ vs. „Orthodoxe“ (fehl)interpretiert.
Die PDS-Führung verfügt gegenwärtig über kein gemeinsames strategisches Konzept.
Die
Differenzen werden nicht öffentlich ausgetragen, was Möglichkeiten der
Entwicklung von
Handlungsoptionen blockiert, in denen die unvermeidlichen Widersprüche
konstruktiv
ausgetragen werden können. Diese Pattsituation beeinträchtigt
Handlungsfähigkeit,
Glaubwürdigkeit und generell die Entwicklungsfähigkeit. Die Führung war nicht in
der Lage,
eine Vision zu erarbeiten und in die PDS und die Gesellschaft zu vermitteln.
11 In diesem Zusammenhang soll auf ein durch die Autoren Ralf Christoffers und
Thomas Falkner verfasstes und
im heißesten Wahlkampf an den Spiegel (34/2002, S. 55) gegebenes Strategiepapier
unter dem Titel „Mut zum
Risiko“ erwähnt werden, das für ein Bündnis von SPD, Grünen und PDS plädiert.
Abweichend zu allen
offiziellen Einschätzungen der PDS, die die SPD in der Sozial- und
Wirtschaftspolitik rechts von der Mitte sehen
und ihr die Verfolgung eines gemäßigten Neoliberalismus vorwerfen, wird die
Schröder-Fischer-Regierung darin
als Regierung einer „linken Mitte“ bezeichnet. Anstelle des bisherigen
Einsetzens der PDS für eine
kooperationsfähige Linke in Deutschland – geführt gerade auch mit Blick auf den
linken Flügel der SPD und
möglichen strategischen Veränderungen in der SPD – wird die völlig neue Option
der Vereinigung zu einer
gemeinsamen neuen Linkspartei eröffnet. Ein strategisches Papier zum Wahlkampf
von Thomas Falkner vom 4.
Juni 2002 formulierte schon die folgende Einschätzung: „Die Umfragen machen seit
einem halben Jahr deutlich:
Kein ‚Lager’ könnte allein die notwendige Mehrheit schaffen. Und die PDS liegt
im Moment – nach meiner
Schätzung – real etwas zwischen 7 und 8 % - in den Sonntagsfragen zwischen 6 und
7, aber da zieht man immer
noch einen Rattenschwanz aus schwächeren Zeiten mit. Nur die PDS selbst will das
nicht wahr haben – mit
Ausnahmen ... Das ist der Punkt, an dem wir verlieren können: Wenn wir im Bund
nur eine andere Politik (mit
Blick auf Schröder) bzw. eine ganz andere Politik (mit Blick auf Stoiber)
fordern, aber nicht selbst eine bessere
Politik betreiben wollen! Es ist nicht über Politik zu palavern, sondern über
Regieren nachzudenken und zu
reden.“ Daraus wurde nun folgende Schlussfolgerung gezogen: „Das heißt aber
auch: Der tiefe Konflikt mit den
anderen in der Außen- und Sicherheitspolitik kann nicht länger als ein
glücklicherweise vorhandenes Hindernis
für eine Regierungsbeteiligung, als ein antimilitaristischer Schutzwall gegen
die eigenen Reformer betrachtet
werden – er ist ein wirkliches, ein aktuelles, ein drängendes Problem, das
gelöst werden muss! ... Der Konflikt
muss produktiv gemacht werden. Nicht, indem die PDS einknickt oder umkippt.
Sondern indem sich alle – SPD,
Grüne, wir – bewegen. Auf den Punkt hin, wo man zu gemeinsamen angestellten
Abwägungen,
integrationsfähigen Mehrheits-Entscheidungen bei unterschiedlichen
Abwägungsergebnissen und einem
politisch tragfähigen Verfahren für den Umgang damit findet ...“ Es ist klar,
dass dies zur Aufgabe einer
Verweigerung der PDS gegenüber Militäreinsätzen der Bundeswehr und NATO hätte
führen müssen.
12 Vgl. zu dieser Position konzeptionell u. a. Michael Chrapa: Die Stärken und
Schwächen der PDS im Wahljahr
2002. RLS-Standpunkte 2/2002.
8
Als ein besonderes Problem für eine linke Partei muss angesehen werden, dass die
PDS in
ihrer Spitze zu sehr zu einer Funktionärspartei geworden ist. Mit Gregor Gysi
und Lothar
Bisky sind wichtige Quereinsteiger von 1989 in die Politik aus der Führung
ausgeschieden.
Die intellektuelle Ausstrahlungskraft hat sich extrem vermindert. Die Führung
der PDS setzt
sich weitgehend aus Personen zusammen, die schon in der DDR eine
Funktionslaufbahn
beschritten hatten. Weder ist die intellektuelle und politische Westlinke
hinreichend stark
vertreten noch spielen Personen eine Rolle, die symbolisch für die Beziehung der
PDS zu
linken Kräften in den Gewerkschaften, den Sozialverbänden und den sozialen
Bewegungen
stehen würden. Das Fehlen eines erkennbaren strategischen Konzepts lässt zudem
jedes
Handeln rein taktisch erscheinen; es kann eine ständige Instrumentalisierung von
Themen und
Problemen vermutet werden.13
(b) Die Schwäche, offensiv öffentliche Politik zu gestalten
Gegenwärtig ist die Kommunikationsfähigkeit der PDS-Führung zum einen gegenüber
der
eigenen Mitgliedschaft und zum anderen gegenüber der Öffentlichkeit und
wesentlichen
Bezugsgruppen in der Gesellschaft als gering einzuschätzen. Sie ist noch hinter
jenes Niveau
gefallen, das Mitte der 90er Jahre erreicht war. Schon jetzt war sie fast
ausschließlich reaktiv
und konnte sich in Ausnahmefällen an bestimmte Ereignisse anhängen (Krieg gegen
Jugoslawien bzw. Afghanistan etc.), war aber kaum in der Lage, medial Themen zu
besetzen
und Öffentlichkeiten zu beeinflussen.
Das Verständnis von Kommunikation reduzierte sich sehr stark auf die Vermittlung
von
„Botschaften“ der PDS (ihrer Führung) an die Bürgerinnen und Bürger, anstelle
sich zum Teil
der öffentlichen Auseinandersetzungen zu machen und dabei von linker Seite her
durch
Mobilisierung und Kampagnen sowie mediale Inszenierung verdrängte Positionen der
Bürgerinnen und Bürger selbst zur Geltung zu bringen. Es wird nicht die Sprache
der „kleinen
Leute“ öffentlich groß gemacht, sondern man versucht, die kleine PDS groß zu
machen in der
Öffentlichkeit, was ständig verfehlt wird. Die Straße wird nicht besetzt,
öffentlicher Protest
und öffentliche Diskussion werden nicht symbolisch inszeniert. Selbst bei dem
Kriegsthema
hat die PDS im Sommer 2002 emotional das Thema an die SPD verloren. Die PDS ist
nicht
im wirksamen Gespräch mit sozialen Bewegungen, Verbänden usw.
(c) Die eingeschränkte Kommunikationsfähigkeit gegenüber relevanten
Bezugsgruppen
Nach 1989 kam es zwischen der Mitgliedschaft der PDS und der damaligen
PDS-Führung zu
einer Art stillschweigenden Agreement: Die PDS-Führung vermochte es, glaubwürdig
nach
außen und innen das Festhalten an einer (veränderten) Sozialismusvision zu
verkörpern, die
PDS als symbolische Vertretung (auch) der staatstragenden Klasse der DDR in die
Bundesrepublik zu bringen, gleichfalls symbolisch gegen eine Generalabwertung
der DDR
vorzugehen und dies mit wachsendem politischen Gewicht als linke Ostpartei zu
verbinden.
Die Mitgliedschaft, in der Mehrheit schon damals Rentner und Vertreter jener
Generation, die
als junge Menschen die DDR mit schufen, stützte diesen Kurs und fand sich in ihm
prinzipiell
13 Eine weit verbreitete Einschätzung der PDS durch linke emanzipative
Bewegungen wird in der folgenden
Aussage zusammengefasst: „Ich finde es wichtig, dass die PDS als
Oppositionspartei in den Bundestag kommt,
v.a. einige gute Leute. Aber in der Kriegsfrage scheinen sie mir zu
instrumentell (vgl. die Reglementierung der
Berliner Abgeordneten beim Bush-Besuch), in der Machtfrage gnadenlos
opportunistisch. Ich verfolge sehr
interessiert die PDS, finde aber, dass derzeit die auf Machtbeteiligung um
(fast) jeden Preis orientierten Gruppen
zu sehr dominieren und der Bezug zu sozialen Bewegungen in weiten Teilen nicht
gegeben ist.“
9
wieder, auch wenn sie damit verbundene programmatische Veränderungen nicht oder
nur
teilweise selbst nachvollzog und inhaltlich trug.
Die Welle von „Entschuldigungen“, die in den Augen einer großen Mehrheit der
Mitglieder
die Generalabwertung des Engagements für die DDR und den Sozialismus verkörperte
(nun
aber durch die eigene Führung), die Annahme, dass die Führung der PDS in
beträchtlichen
Teilen nur noch machtopportunistisch agiert, haben zu einer wachsenden
Entfremdung, neuen
Austritten und vor allem zu Apathie geführt. Die Mitgliedschaft hat für eher
orthodoxe
staatssozialistische Positionen außerhalb von KPF und Marxistischem Forum keinen
Ansprechpartner, möchte diese aber auch nicht mehrheitlich als Hegemon in der
PDS sehen.
Die PDS-Führung verliert also in der eigenen Mitgliedschaft ihre Basis und
verprellt auch die
„Dienstklasse der DDR“ und ihr Umfeld. Es muss aber möglich sein, sich kritisch
mit dem
System des Staatssozialismus auseinander zu setzen, ohne dabei die Würde von
Menschen,
den Wert von Leben in der DDR und des Einsatzes für die DDR zu beschädigen.
Viele ehemalige DDR-Bürger beziehen die Kritik an der DDR auf ihre eigene
Lebensleistung.
Der schillernde Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ und die darauf
aufbauende
vorherrschende Geschichtspolitik haben verheerende Spuren hinterlassen, die eine
Trotzreaktion bewirkten: In vielen Köpfen werden das nicht reformfähige
DDR-System und
die eigene Lebensleistung in eins gesetzt. Diese psychologisch verständliche
Solidarisierung
mit dem DDR-System hält viele Menschen gegenüber den heutigen Zuständen in
Lähmung.
Die PDS-Kritiker des realsozialistischen Systems haben auf diese Frage zu wenig
Aufmerksamkeit verwandt und damit zugelassen, dass Menschen auf unsinnige Weise
verprellt wurden. Sich unter den komplizierten Bedingungen der DDR für die
Verbesserung
des gesellschaftlichen Alltags eingesetzt zu haben, sich also menschlich,
zivilisiert und
solidarisch verhalten zu haben, ist von bleibendem Wert und das wichtigste
sozialistische
Erbe, dass die PDS unmittelbar antreten konnte.
Die schwache Unterstützung der PDS-Führung aus der Partei heraus, soweit diese
nicht selbst
in dienstlichen Abhängigkeitsverhältnissen steht, wird durch die schwachen
Beziehungen der
PDS-Führung zu relevanten sozialen Bewegungen, Initiativen und Verbänden sowie
die fast
völlig zum Erliegen gekommene intellektuelle Ausstrahlung der PDS-Führung noch
verstärkt.
Die PDS ist für das intellektuelle Leben der Bundesrepublik faktisch
bedeutungslos. Damit
wird nicht zuletzt jede Verankerung im Westen blockiert. Auch in Bezug auf die
sozialen
Bewegungen erscheint das Verhalten der PDS zumeist instrumentell.
Die PDS vermag es nicht, überzeugend eigene Positionen einzubringen bzw. ihren
möglichen
Gebrauchswert für diese Bewegungen, Initiativen und Verbände nachzuweisen.
Entsprechende Versuche, die es nach 1990 gegeben hat, sind weitgehend verdrängt
worden.
Positive Entwicklungen wie zum Beispiel im Umweltbereich in
Mecklenburg-Vorpommern
und einigen anderen ostdeutschen Ländern sind bundespolitisch nicht deutlich. Es
ist nicht
gelungen, Vertreter solcher Bewegungen und Organisationen profilbestimmend für
die PDS
zu gewinnen. Obwohl es große inhaltliche Übereinstimmungen zwischen den
Positionen
wichtiger Gruppen in Gewerkschaften, Sozialverbänden und Bewegungen einerseits
und der
PDS andererseits gibt, haben sich diese Gruppen öffentlich nicht oder nur sehr
selten die PDS
für die Wahl der PDS eingesetzt. Damit gerät die Führung der PDS aber in eine
soziale
Isolation, die bei Verlust von formalen Positionen in Parlamenten zu einer
völligen
Bedeutungslosigkeit in den Medien und dem Kommunikationsalltag der
Bundesrepublik
führen kann.
10
(d) Ausbleibende Parteireform
Seit Mitte der neunziger Jahre ist klar, dass die PDS ohne eine innere Reform
die Fähigkeit zu
moderner Führung, wirksamer medialer Kommunikation, Öffnung in die Gesellschaft
und für
die Gesellschaft, Gewinnung neuer Aktivistinnen und Aktivisten sowie
Erschließung neuer
intellektueller und sozialer Potenziale verliert oder gar nicht erst aufbaut.
Parteien können sich nur dann erhalten, wenn sie entwicklungs- und lernfähig
sind. Ihre
Strukturen müssen zugleich innere Identität und die Beziehungen zur Umwelt
ständig
erneuern. Sie müssen die Mitgliederlogik (nach innen) und die Einflusslogik
(nach außen) in
Übereinstimmung bringen. An der Schnittstelle beider Logiken wirken das
Führungspersonal
einer Partei und der Apparat. Eine der dabei anstehenden wichtigsten Aufgaben
ist die
Parteireform:
In der Analyse zur Mitgliedschaft hieß es dazu: Es „sollten als Schwerpunkte
einer wirklichen
Parteireform (mindestens) folgende Punkte unverzüglich praktisch in Angriff
genommen
werden:
Umgestaltungen der Organisationsstruktur
Vom Kern her geht es um wichtige organisatorische und inhaltliche Veränderungen
in der
Arbeit der Basis und der mit ihnen verbundenen Leitungsgremien. Stichworte:
Neue,
„offene“ Basisorganisationen, Anpassung an territoriale Strukturen,
Doppelstruktur neben
stark „überalterten“ Basisorganisationen.
Weitere Sympathisanten- und Mitgliedergewinnung in verschiedenen
soziostrukturellen
Milieus (siehe „Zielgruppen“ anhand der Analysedaten) u. a auf der Grundlage von
innerparteilichem Erfahrungsaustausch.
Kommunikationsfähigkeit
Stichworte: Wirklich neuer Schritt in Richtung auf das Ziel „PDS ans Netz“, dies
über
eigenständige Modellprojekte. Dadurch interne Kommunikation (mit modernen
Medien) für
Austausch, Diskussion, Willensbildung usw. Ferner: Basisdiskussionen über
Anforderungen
und Möglichkeiten in der Kommunikationsgesellschaft.
Projektarbeit
Stichworte: Sachbezogene, „offene“ Projekte, teils von PDS initiiert, teils mit
ihrer
Beteiligung, dem Grundansatz „Wahrung und Durchsetzung von
Bürgerinteressen“ verpflichtet.
Ausprägung von Aktions- und Kampagnenfähigkeit
Stichworte: Aktionen „nach außen“ als Lebensform der PDS, Wiederentdeckung der
Straße.
Moderne „innere“ Leitung und Arbeitsfähigkeit
Stichworte: Neue Leitungsformen, Befähigung des Personals, Nutzung von externem
Sachverstand usf.“ (S. 57)
Von zentraler Bedeutung wird auch die Stärkung des Bundesvorstandes sowie der
IG’s und
AG’s beim Parteivorstand selbst sein (insbesondere nach Verschwinden der
Bundestagsfraktion) sowie die Stärkung der Landesverbände gegenüber den
Fraktionen. Wie
der neue Vorstand auch aussieht, er muss die Landesvorstände als kollektive
Gremien stärken,
sonst ist die "Oppositionsrolle" der PDS auf Landesebene, der linke Druck auf
die eigene
Fraktion, die Forderung, auch unter Koalitionsbedingungen die eigene Arbeit
öffentlich zu
machen, nicht möglich. Die Landesvorstände müssen ihre politischen Forderungen
an die
Fraktionen stellen. Aber dazu müssen die Landesvorstände selbst qualifiziert
werden. Die
Degradation der Landesvorstände zu Gremien, die nur noch die Informationen aus
den
Fraktionen entgegennehmen, selbst keine strategischen Diskussionen mehr führen,
oftmals
gegenüber den Landesverbänden die Funktion der Organisation von politischer
Kommunikation, Meinungsbildung und Entscheidungsfindung verloren haben,
verwandelt die
11
PDS in das Anhängsel ihrer Parlamentsfraktionen, demobilisiert Mitglieder und
Sympathisanten, erzeugt undemokratisch elitäre Tendenzen, die dann den
Politikstil prägen.
(2) Die aktive Mitgliedschaft
Aufgrund des Altersdurchschnitts ist das Handeln in Verbänden zunehmend auf
SeniorInnenarbeit, Kleingarten- und Siedlerverbände und Sportvereine
konzentriert, während
die Tätigkeit in wichtigen politisch orientierten Gruppierungen (Friedensarbeit,
Umwelt,
Internationales, Arbeit mit MigrantInnen) auf einen sehr kleinen Teil der
Mitgliedschaft
beschränkt ist, der zudem vor allem im Westen tätig ist. Dies gilt auch für
Gewerkschaftsarbeit.14 Auch altersbedingt (im Osten sind nur noch ein Fünftel
der Mitglieder
unter 60 Jahre) verstehen nur wenige unter Opposition reale Friedensarbeit und
konkretes
Wirken gegen Rechtsextremismus. Kritik am Kapitalismus, Festhalten an einer
sozialistischen
Perspektive sowie Eintreten für soziale Gerechtigkeit stehen im Vordergrund.
Relevante
Aktivitätspotenziale praktischer Art sind bei einer Gruppe von rd. 10 bis 15
Prozent der
Mitglieder, zumeist unter 50 Jahre alt, konzentriert. Wie Michael Chrapa und
Dietmar Wittich
in ihren Thesen im Anhang der Mitgliederbefragung vom Jahre 2000 konstatieren:
„Tendenziell drohender oder bereits eingetretener Verlust an breiter politischer
Handlungsfähigkeit gerade zu einem Zeitpunkt, an dem Handeln der PDS in der
Gesellschaft
wichtiger denn je ist. Wie im Text beschrieben, sind zwar 20 bis 30 Prozent der
Mitgliedschaft bei Aktionen (potenziell) mobilisierbar, insgesamt kann jedoch
nur von einem
aktiven Kern von etwa 10-15 Prozent der Mitglieder gesprochen werden. Für
zahlreiche ältere
Menschen (vor allem im Osten) wird politisches Handeln mit der Teilnahme an
einer
Basisgruppenversammlung gleichgesetzt und auch persönlich so interpretiert.“ (S.
54)
Grafik 1: Mitgliedschaft der PDS nach Altersgruppen (Mitgliederbefragung, S. 26)
0,6 2,2
7,9 9,1
30,7
41,1
8,5
15,6
22,8 23,2
16,5
11,2 9,4
1,3
unter 30 30 - 39 40 - 49 50 - 59 60 - 69 70 - 79 über 80
Ost
West
Gleichzeitig gibt es in der PDS einen beträchtlichen Anteil „zukunfts- und
leistungsfähiger
Gruppierungen“. Wie es in der Mitgliederanalyse heißt: „Zum einen betrifft dies
große Teile
der „Führungsgremien“, denen man - wie die Studie zeigt - in beachtlichem Maße
Kompetenzen zuschreibt und von deren grundsätzlicher Autorität ausgegangen
werden kann.
Zum anderen wären damit verschiedene Gruppen charakterisiert, die in den
Untersuchungen
u.a. anhand ausgewählter „Typen-Merkmale“ gekennzeichnet waren („Neue“,
„Aktive“,
„Moderne“). Bei genauem Hinsehen wird deutlich, dass gerade diese Gruppen auch
den
günstigsten Kontakt zu potenziellen neuen Mitgliedern haben. Gelingt es, die
genannten
Gruppierungen zu stärken, würde die PDS viel gewinnen.“ (S. 56) Dies betrifft
auch
beträchtliche weibliche Potenziale als „Partei der aktiven Frauen“ (ebenda).
14 Mitgliederbefragung, S. 5.
12
Der PDS ist es trotz aller Probleme gelungen, eine bestimmte Gruppe von
Aktivistinnen und
Aktivisten im Westen zu gewinnen, die zunehmend auch auf die programmatische und
strategische Diskussion Einfluss genommen haben. Es hat eine Wende zu
praktischer
sozialistischer Politik stattgefunden. Diese Ergebnisse müssen in Ost und West
verstetigt
werden. Die PDS hat nur als gesamtdeutsche linke Partei Überlebenschancen. Die
Potenziale
im Westen sind dafür von großer Bedeutung.
Die Mitgliedschaft hat deutlich oppositionelle Einstellungen und sieht zugleich
in sozialer
Aktivität im Alltag das eigentliche Feld gesellschaftlicher Gestaltung durch die
PDS. Relativ
hohe Unterstützung vor allem im Osten findet auch die Regierungsbeteiligung auf
Landesebene. (Es ist ein bedeutendes Problem für die PDS, dass ihre Wählerinnen
und
Wähler demgegenüber in weitaus stärkerem Maße auch auf die Regierungsbeteiligung
der
PDS auf Bundesebene setzen.) Als besonders wichtige Felder (wenn auch nur
deklamatorisch)
werden angesehen: Einsatz für soziale Gerechtigkeit, entschlossenes Handeln
gegen
Rechtsextremismus, Vertretung wichtiger Werte und Ideale, Einsatz für Demokratie
von
unten und für ‚kleine Leute’ (Mitgliederbefragung, S. 15). Als besondere
Gefährdungen
werden die Überalterung der Mitgliedschaft und der Mitgliederschwund, der
Verzicht auf
sozialistische Werte und Anpassung gesehen (ebenda, S. 19).
Grafik 2: Meinungen zu Politikfeldern mit stärkerem Gestaltungsanspruch der PDS
in der
Zukunft (in Prozent: ja + eher ja) (Mitgliederbefragung, S. 8)
90,7
89,7
85
81
77,7
73,3
52
25,8
93,4
92
76
87,5
87,6
57
28,9
24,9
0 20 40 60 80 100
Verankerung in
Kommunalparlamenten
Zusammenarbeit mit
Gewerkschaften u.a.
Aktive Arbeit im Alltag
Qualifizierung der
Opposition
Breite gesellschaftliche
Aktionen
Regierungsbeteiligung
Länder
Zusammenarbeit mit
der SPD
Regierungsbeteiligung
Bund
West
Ost
Im Sommer 2001 verfügte die PDS über 6500 kommunale Mandate, davon 2 Landräte,
186
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, davon 27 hauptamtlich, 18 hauptamtliche
kommunale
Wahlbeamte (u. a. 14 Berliner Bezirksstadträte), 1179 Mandate in Kreistagen und
Stadträten
kreisfreier Städte, 175 Bezirksverordnete in Berlin, rd. 5000 Mandate in
kreisangehörigen
Städten und Gemeinden sowie 102 Mandate im Altbundesgebiet (teils auf
Listenverbindungen).15 Der PDS muss es gelingen, diese gesellschaftliche
Verankerung
zielstrebig mit einem eigenen Politikstil zu verbinden und kapitalismuskritische
Opposition
15 Information durch Manfred Klaus, Referent Kommunalpolitik der
PDS-Bundestagsfraktion 2001.
13
und soziale Gestaltung sowie demokratische Partizipation aus dem Alltag heraus
lebendig
werden zu lassen.
(3) Die Wählerschaft
Die PDS hat bei den Bundestagswahlen 2002 gegenüber 1998 fast flächendeckend
verloren.
Eine umfassende Analyse steht noch aus. Wie Dietmar Wittich schreibt: „Es ist
vor allem die
ehemalige Dienstklasse der DDR, ihr Nachwuchs und ihr Umfeld, die sich von der
PDS zu
verabschieden beginnen. Das Umfeld der Nachfolgepartei bricht damit weg, und das
wahrscheinlich endgültig. Neue Wählergruppen, die die PDS erreichen kann und die
für linke
Politik gewonnen werden können, vermag sie bisher nicht stabil an sich zu
binden.“ Ob die
Aussage, dass das frühere Umfeld endgültig wegbricht, stichhaltig ist, würden
wir bezweifeln,
kann aber nur durch die Zukunft widerlegt werden. Die nur wenige Monate
zurückliegende
Berliner Wahl scheint das jedenfalls nicht zu bestätigen. Auf jeden Fall sinkt
die Zahl der
Stammwähler ab und es ist nicht gelungen, Wechselwähler zu binden. Es muss daran
erinnert
werden, dass noch im Frühjahr relativ hohe Werte für die PDS gemessen wurden
(vgl. Grafik
3).
Grafik 3: Ergebnisse der „Sonntagsfrage“ zur PDS und Wahlergebnis bei der
Bundestagswahl ((Quellen: Alle verfügbaren Meinungsumfragen; (Angaben in %))
5,1 5,1 5,1 5,4
6,2
5,8 5,7
5,3
6,5
6,9
6,5
6,1 6
6,4
5,8 5,7 5,6
4,8
4,4
4
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Mä01 Ap01 Ma01 Ju01 Jul
01
Au01 Se01 Ok01 No01 De01 Ja01 Fe02 Mä02 Ap02 Ma02 Ju02 Jul
02
Au02 Sep
02
Wahl
Wie sehr die Wahlniederlage hausgemacht ist, zeigt der Umstand, dass die PDS vor
allem an
die Nichtwählerschaft verloren hat (66 Prozent), während sie bei jenen Wahlen,
wo sie
Gewinne hatte, vor allem von dort Gewinne erzielte. Wie schon in Sachsen-Anhalt
war die
unzureichende Mobilisierung das Hauptproblem der PDS. Gleichzeitig ist es nicht
gelungen,
eine so starke Bindung von Wählern aufzubauen, dass sie der strategischen
Verführung, lieber
direkt SPD (rd. 75 Prozent der Abwanderungen im Osten) bzw. Grüne (über die
Hälfte der
Abwanderungen im Westen) zu wählen, widerstanden hätten (siehe Grafik). Die in
den letzten
Monaten ins Zentrum des Wahlkampfs gestellte Position, die PDS würde Schröder
wählen,
um Stoiber zu verhindern, hat u. E. demotiviert bzw. nicht von der direkten Wahl
der
Schröder-Fischer-Koalition abgehalten.16 Der Wahlkampf hat damit seine
eigentliche
Funktion nicht erfüllt und muss als gescheitert betrachtet werden. Er hat im
Unterschied zu
16 Es sei darauf verwiesen, dass die PDS in einer zumindest ähnlich strategisch
ungünstigen Situation 1998
(Ablösung Kohl) die 5-Prozent-Hürde überspringen konnte.
14
früheren Zeiten die strukturellen Schwächen der PDS nicht konterkariert, sondern
erst richtig
sichtbar gemacht. War sonst der Bundeswahlkampf besser als die PDS, so war er
dieses Mal
unter ihrem Niveau.
Grafik 4: Wählerwanderungen der PDS in Tsd. (Quelle: Institut für Wahl-, Sozial-
und
Methodenforschung, Berliner Zeitung, 24.9.2002, Beilage, S. 7)
-582
-151
-19
-412
-23
23
-40 -22
-622
-129
-60
-443
Ost West Bundesweit
Dieses Ergebnis der Bundestagswahlen zeigt aber auch, dass die PDS weiterhin
über ein
beträchtliches Wählerpotenzial verfügt. Die Abwanderungen sind umkehrbar. Es
handelt sich
dabei vor allem auch um jene Gruppen, die die PDS in den letzten Jahren dazu
gewonnen
hatte und nun nicht dauerhaft von sich überzeugen konnte.17 Ihre Ausstrahlung
als linke
Volkspartei war im Osten sehr gering, ihr Profil als „linke Kraft“ im Westen
nicht stark und
vertrauenswürdig. Die Wahl wurde nicht durch die Überlegenheit anderer verloren,
sondern
das Ergebnis ist hausgemacht und der eigenen Schwäche geschuldet. Der Rücktritt
von
Gregor Gysi hat diese Schwächen nur (wahltaktisch zu „früh“) offen gezeigt,
nicht aber
verursacht. Die Hauptursache der verlorenen Wahlen ist das nicht deutlich
erkennbare,
glaubwürdige und auch emotional vermittelte Profil der PDS als einer Partei, die
größere
Teile der Bevölkerung im Alltag und mit dem notwendigen Schuss an Visionen
brauchen, mit
denen sie Hoffnungen verbinden.18
3. Strategische Optionen
(1) PDS – Teil des politischen Projekts von SPD/Grüne oder
eigenes politisches Projekt?
Die PDS muss wie jede andere Organisation, die im Wettbewerb steht und deren
dauerhafte
Subventionierung nicht garantiert ist, zweifelsohne eine Strategie wählen, die
ihren eigenen
Erhalt unter sich verändernden Bedingungen sichert, d.h. gleichzeitig zur
Erneuerung der
internen Ressourcen beiträgt und der Organisation die notwendigen externen
Ressourcen
zuführt. In diesem Zusammenhang sind wesentliche Prozesse spätestens nach 1998
17 Während der Berliner Wahlen vom Oktober 2001 war es der PDS gelungen, im
Westen vor allem „Menschen
der jüngeren bis mittleren Altersgruppen, darunter auch gerade jüngere Frauen,
mit höherer Bildung, solche, die
sich in Ausbildung befinden, insgesamt Berufstätige, vor allem Selbständige und
Arbeitslose“ zu mobilisieren.
Im Osten hatte sie unter Frauen stark gewonnen. Deutlich zulegen konnte sie bei
Personen in Ausbildung,
insgesamt bei Berufstätigen und vor allem bei Beamten (Dietmar Wittich: Analyse
der Ergebnisse der Wahlen
zum Abgeordnetenhaus von Berlin am 21. Oktober 2001, S. 20).
18 Parteien werden vor allem gewählt, weil Menschen auf sie Hoffnungen
projizieren können, weil sie erwarten,
dass diese in der Zukunft etwas tun, was für sie wichtig ist. Wahlen sind immer
zuerst auf die Zukunft bezogen.
Vergangenheit spielen nur insofern eine Rolle, wie sie eine Bedeutung für
Zukunft haben.
Gesamt
SPD
Nichtwähler Grüne
15
verschleppt worden. Die Wahlergebnisse danach wurden trotz dieser Schwäche
erzielt und
hatten sie verdeckt.
Die PDS wird in den nächsten Jahren den Kampf um ihre Existenz führen. Die SPD
wird alles
versuchen, die PDS bundespolitisch völlig zu marginalisieren und auch im Osten
an den Rand
zu drängen. Vor diesem Hintergrund werden Bündniserwägungen,
Unterstützungssignale usw.
bestenfalls als Ausdruck von Schwäche gedeutet werden. Die PDS muss sich u. E.
als
eigenständiges Projekt mit einem eigenen Gebrauchswert für die Gesellschaft
behaupten oder
sie wird untergehen.
Um die anstehenden Probleme zu lösen, muss die PDS sich des Handlungsraums
versichern,
den sie in absehbarer Zeit hat. Bezogen auf diesen Handlungsraum der PDS sollen
einige
Aussagen getroffen werden, die als Vorannahmen gelten: (1) Die PDS bleibt die
einzige
relativ starke Partei im deutschen Parteiensystem links von Grünen und SPD. Die
PDS
versucht nicht, das gleiche Feld wie die SPD zu besetzen (sie wird keine zweite
SPD). Sie
wird keine Partei der politischen Mitte. (2) Die Nachwendezeit ist vorbei. Die
Bevölkerung
des Ostens der Bundesrepublik hat sich auf die neuen Verhältnisse, kritisch, mit
Distanz oft,
vor allem mit neuem Selbstbewusstsein, real eingestellt. Der innerdeutsche
Ost-West-
Unterschied nimmt damit neue Formen an. Nicht primär die Verlustgefühle der
Vergangenheit, sondern eine selbst-bewusste kulturelle Unterscheidung prägt
zunehmend ein
gewisses ostdeutsches "Wir"-Gefühl. Diese Veränderung hat die PDS im Wahlkampf
nicht
zur Kenntnis genommen und war nicht in der Lage, sie authentisch anzusprechen.
(3) Die
PDS wird sich auf sozialpolitischem und wirtschaftlichem Gebiet mit einer
weiteren
Rechtswende der SPD auseinander zu setzen haben.
Die Annahme 3 soll kurz präzisiert werden19: Wenn die PDS sich als „linke Kraft“
in
Deutschland weiter profilieren will, dann ist die Frage der Einschätzung der von
der SPD
getragenen Richtung der Reformen von entscheidender Bedeutung. Prinzipiell sind
zwei
Möglichkeiten der Deutung gegeben: Zum einen kann angenommen werden, dass es
sich
dabei um die verantwortliche Gestaltung eines sozialen Kapitalismus handelt. Es
handele sich
um einen neuen Sozialvertrag, der mit dem Vorschlag der Hartz-Kommission
vorgelegt
worden war, um die Schaffung eines neuen Sozialstaats. Damit sei es ein linkes
Projekt, auch
wenn dessen Verwirklichung fragwürdig wäre.20 Die andere Annahme wäre, dass es
sich um
ein eher rechtes Projekt handelt, dass zwar durchaus an einer sozialen und
politischen
Stabilität interessiert ist, diese aber durch ein Bündnis der
ökonomisch-politisch herrschenden
Klasse mit aufstiegsfähigen Teilen der Mittelschichten auf Kosten der unteren
Gruppen der
Gesellschaft und bei Zunahme sozialer Polarisierung, Unsicherheit und Druck
gewährleisten
will.
Unabhängig von dieser gegensätzlichen Bewertung gilt zunächst, dass die PDS und
andere
linke Kräfte gegenüber jedem nur möglichen Projekt drei Positionen einbringen
müssen: (1)
verstärkte gleiche Teilhabe auf Grund von (neuer) sozialer Sicherheit in
Auseinandersetzung
mit allen Tendenzen sozialer Exklusion, (2) verstärkte demokratische Aktivität
und
Selbstbestimmung sowie Partizipation gegenüber obrigkeitsstaatlichen Reformen
und
wachsender Fremdbestimmung sowie (3) Einsatz für friedliche,
partizipativ-demokratische
Konfliktlösungen in der Gesellschaft und international anstelle von Gewalt,
Krieg und
repressiven Formen der Konfliktunterdrückung.
Weiterhin kann man annehmen, dass trotz des Kompromisscharakters von Politik das
Projekt
von Schröder/Fischer auf jeden Fall wesentliche Elemente enthalten wird, die
deutlich rechte
19 Vgl. dazu die Ausführungen von Dieter Klein in Vorbereitung des Geraer
Parteitages.
20 So die Position von Joachim Bischoff in der Grundsatzkommission der PDS.
16
Züge tragen. Wichtige Teile der Bürgerinnen und Bürger, Aktivistinnen in
Gewerkschaften,
sozialen Verbänden und sozialen Bewegungen werden sich nicht vertreten fühlen.
Das
Potenzial, dass für eine deutlich, vertrauenswürdig und kompetent links von SPD
und Grünen
repräsentierte Politik ansprechbar ist, wird sich erhöhen. Der Konflikt dieser
Kreise mit dem
herrschenden Kurs wird zunehmen. Die PDS ist in absehbarer Zeit die einzige
parteipolitische
Kraft, die diesen Konflikt außerhalb von Grünen und SPD artikulieren kann. Sie
sollte sich u.
E. darauf konzentrieren. Sie hätten dann bundespolitisch einen sehr
eigenständigen
Gebrauchswert und Zweck.
Die eindeutige Beantwortung der Frage nach der Einschätzung der Politik der SPD
ist deshalb
von Bedeutung, weil sich daraus die strategische Positionierung der PDS im hohen
Maße
ergibt. Die Annahme, dass es sich um einen prinzipiell zu stützenden Kurs der
SPD handelt,
hat die Konsequenz, sich als Regierungspartei in der Reserve und Bündnis- wie
Koalitionspartner der SPD zu profilieren. Reformvorschläge werden damit an die
jetzt
vorhandene Kräftekonstellation gebunden und messen sich daran, durch die SPD
gegenwärtig
auch akzeptiert werden zu können. Damit sind – entsprechend dem herrschenden
Politikverständnis der heutigen SPD – auch elitäre Politikansätze, die
Abkopplung von
Protestbewegungen, die Glättung sozialer Konflikte verbunden. Die Wiederwahl von
Rot/Grün ohne PDS-Unterstützung hat u. E. ein solches Projekt eines
strategischen
Bündnisses mit der SPD von der absehbaren Tagesordnung genommen. Selbst wenn es
ein
linkes Projekt wäre, wird die PDS dafür gegenwärtig bundespolitisch nicht
gebraucht und die
SPD wird aufbauend auf dem Erfolg ihrer Strategie von 2002 diese auch 2006
wiederholen.
Die PDS muss sich als eigenständige Kraft profilieren (auch innerhalb von
Landeskoalitionen
mit der SPD) oder sie wird verschwinden.
Wenn aber angenommen wird, dass die absehbare Politik der SPD starke rechte Züge
zeigen
wird (vor allem in der sozialen Frage sowie in einem
obrigkeitsstaatlich-elitären Politikstil),
dann stellen sich die Herausforderungen und Chancen der PDS anders dar. Sie kann
dann zu
einem wichtigen Akteur der politischen Artikulation und Repräsentation von
sozialen und
demokratisch-partizipativen Anliegen werden, kann versuchen, alternative
Projekte und
Politikstile zu fördern und zu pflegen sowie sozialen Protest gegen eine weitere
Rechtswende
in sozialen Belangen demokratisch stärken. Dies muss einhergehen mit der
Entwicklung von
alternativen Ansätzen in offenen Netzwerken gemeinsam mit GewerkschaftlerInnen,
sozialen
Bewegungen, sozialen Verbänden usw. Diese Vorannahmen liegen auch der neuen
Programmatik der PDS zugrunde, die ein dezidiert sozialistisches Profil als
Leitorientierung
festschreibt.
Die PDS wird sich eindeutig entscheiden müssen, auf welche Deutung der Situation
sie sich
einigt und auf welches strategisches Projekt sie sich fokussiert. Die Ambivalenz
der letzten
Jahre hat Vertrauenswürdigkeit in jede nur mögliche Richtung gekostet,
Unsicherheit über das
Verhalten der PDS hervorgebracht, konkurrierende und sich wechselseitig
blockierende
Gruppierungen haben gegeneinander agiert und die PDS als Ganzes demontiert.
Dieser
Zustand kann nur bei Strafe der Selbstzerstörung fortgesetzt werden.
(2) Die PDS als gestaltende Oppositionskraft –
Grundmerkmale einer modernen sozialistischen Partei in
Deutschland
Die Autoren dieser Analyse empfehlen der PDS, mit sehr langfristiger Perspektive
den Weg
einer gestaltenden Oppositionskraft zu beschreiten und ihr Hauptziel in einem
Beitrag zur
Veränderung von geistigen und politischen Kräfteverhältnissen in der
Gesellschaft, der
17
Schaffung von Voraussetzungen für eine deutliche Linkswende zu sehen.21 Die
Gestaltungsmacht sollte vor allem im Hinblick auf die Formierung alternativer
Ansätze, das
Erproben auf kommunaler und regionaler Ebene, die Förderung breiter alternativer
gesellschaftlicher Koalitionen, die Herausbildung einer kritischen
Gegenöffentlichkeit, die
Stärkung von Protestfähigkeit und realer Partizipation entwickelt werden.
Dadurch wäre der
wichtigste eigenständige Gebrauchswert der PDS zu bestimmen. Dies schließt
Regierungsbeteiligung (auch perspektivisch auf der Bundesebene) nicht
prinzipiell aus, ordnet
sie aber der gesellschaftlichen Opposition gegenüber dem Neoliberalismus in
seinen
verschiedenen Spielarten unter. Die PDS muss in parlamentarischer Oppositions-
bzw.
Regierungsverantwortung den Text auf ihre Praxistauglichkeit bestehen, kann
nachweisen,
was mit ihr anders ist als ohne sie.
Es wäre ein Ansatz, der Aktivität, Selbstbestimmung und Teilhabe der Bürgerinnen
und
Bürger zu erhöhen sucht und nicht bestrebt ist, politische Ziele vor allem
dadurch zu erreichen,
indem für „unsere Menschen“ besser verwaltet wird. Es ist ein Ansatz der
Aktivierung der
politischen Gesellschaft anstelle ihrer Verwaltung, der Veränderung von unten
anstelle des
Oktroy von oben und der Selbstorganisation anstelle der Bevormundung. Dies
schließt
Regierungskoalitionen auf Länderebene nicht aus, ordnet sie aber diesem Ziel
unter und
betont damit die strategische Eigenständigkeit der PDS. Die PDS würde sich als
Partei des
sozialen und demokratischen Engagements für Gerechtigkeit und Selbstermächtigung
der
Bürgerinnen und Bürger sowie friedlicher Konfliktlösung profilieren. Dies
schließt
Berührungspunkte mit der SPD und den Grünen ein, aber ausgehend von einem
eigenen
Ansatz. Ein solcher Ansatz zielt darauf, in Gesamtdeutschland schrittweise das
vorhandene
Potenzial linker Bürgerinnen und Bürger für die PDS zu gewinnen und in
Ostdeutschland die
Hegemonie links von der Mitte in der ganzen Breite zurückzugewinnen und auch
Teile derer,
die sich der politischen Mitte zuordnen und zugleich stark Werte von
Solidarität,
Gerechtigkeit und Selbstbestimmung betonen, wieder zu gewinnen.
Das skizzierte Projekt PDS wäre seinem sozialen Inhalt nach der Kampf um die
Herausbildung einer Mitte-Unten-Koalition, ein Bündnis der sozialen Mitte der
Gesellschaft
und derer, die von Exklusion betroffen sind. Ziele sind soziale Gerechtigkeit,
Inklusion,
soziale Sicherheit als Bedingung wachsender Selbstbestimmung und Freiheit.
Grundzug ist
Solidarität. Kulturell wäre es ein Projekt der Stärkung der Bürgergesellschaft,
des Vorrangs
öffentlicher Güter als Bedingung von Freiheit und Selbstbestimmung sowie der
Partizipation.
Politisch würde ein solches Projekt auf einen Kurs der Demokratisierung zielen
und
langfristig die Schaffung der Voraussetzungen einer breiten
Mitte-Links-Koalition anstreben,
die ein Projekt trägt, das dem Neoliberalismus entgegengesetzt wird. Es muss zu
einem
Projekt im Alltag und für den Alltag werden.
Dazu muss die PDS sich auf wenige zentrale eigenständige Projekte und
Themenfelder
konzentrieren, ihre Verankerung in der Gesellschaft, insbesondere in Verbänden,
Initiativen
und Bewegungen erhöhen und selbst Elemente einer sozialen Bewegung wieder
stärker
entfalten, die Fähigkeit zu öffentlichen politischen Kampagnen und der
Mobilisierung des
21 Eine solche Formulierung sollte u. E. den Formelkompromiss der letzten Jahre
ablösen, der die Möglichkeit
eines äußerlichen Nebeneinanders von PDS als gesellschaftlicher Oppositionskraft
und parlamentarischer
Normalpartei ohne eigenständigem Profil suggerierte. 1995 hieß es in einem
Antrag für den Bundesparteitag der
PDS, eingereicht von Lothar Bisky, Gregor Gysi und Hans Modrow: „Wer eine
Gesellschaft wirklich verändern
will, weil er zu den herrschenden Verhältnissen in Opposition steht, muss sich
in die Gesellschaft hineinbegeben.
Für die PDS bedeutet dies, an allen fortschrittlichen außerparlamentarischen
Bewegungen teilzuhaben und
zugleich um breite parlamentarische Möglichkeiten zu ringen. Die Frage, ob eine
Parlamentsfraktion der PDS
sich innerhalb des Parlaments in eine Oppositionsrolle, in eine Situation der
Tolerierung einer Regierung oder in
eine Koalitionsrolle begibt, berührt nicht das prinzipielle
Oppositionsverständnis der PDS.“
18
Interesses und Engagements von breiten Bevölkerungsgruppen neu herausbilden,
lernen, aus
Regierungsverantwortung alternative Ansätze zu praktizieren.
In diesem Prozess müssen sich die Konturen eines modernen sozialistischen
Projekts als einer
alternativen Weise, Politik praktisch zu machen, herausbilden. Wie Dietmar
Wittich (23.9.02)
schrieb: „Aber die Niederlage (vom 22.09.02) ist vor allem hausgemacht. Warum
haben Gysis
Fehler und Gysis Rücktritt derartige Wirkungen? Zum einen stand Gregor Gysi als
Person in
der Tat für viele für einen anderen Typ von Politiker. Wenn es sich dann aber so
darstellt, als
würden sich Menschen wie er nicht anders in Fragen Macht und Privilegien
verhalten, wie die
anderen auch, dann betrifft es die Möglichkeiten von Alternativen überhaupt.
Aber - und das
ist wohl entscheidend - Gregor Gysi war nicht nur das Symbol seiner selbst, er
war mangels
inhaltlicher Auffüllung dessen, wofür PDS heute positiv steht, zugleich als
Person das
Symbol für ein modernes sozialistisches Projekt. Und das ist nicht das Problem
Gysi, das ist
das Problem der PDS, hier liegt das eigentliche und zentrale Problem: Es ist in
den letzten
Jahren nicht gelungen, der Öffentlichkeit zu vermitteln, worin das Markenzeichen
moderner
sozialistischer Politik besteht.“
Die Entwicklung eines solchen Projekts muss damit verbunden werden, wieder eine
Politik zu
machen, die vom Alltag ausgeht, offen und leidenschaftlich Probleme benennt,
Nutznießer
einer Umverteilung von unten nach oben deutlich benennt und um Lösungen
öffentlich
kämpft, eine Politik, die die Empfindungen von Menschen bezogen auf
Ungerechtigkeiten,
Fremdbestimmung, Unsicherheit und Gefährdung ernst nimmt, auf linke Weise
populär ist
(was genau kein Populismus ist), sich der Organisation von Betroffenen und
Ausgegrenzten
widmet, Mehrheiten für ein Bündnis zwischen der Mitte und dem Unten der
Gesellschaft zu
gewinnen sucht.
Die PDS muss vorhandene Problem- und Frustrationspotenziale auf linke Weise
artikulieren.
Sie kann es auch, weil viele, die in deutlicher Distanz zu Tendenzen sozialer
Ungerechtigkeit
und Elitenherrschaft stehen, zugleich der PDS relativ gute Werte zuschreiben.22
Sie muss
zukunftsorientierte Visionen entwickeln, die machbar sind (gerecht, attraktiv,
demokratisch,
finanzierbar, funktional) – unter veränderten Kräfteverhältnissen. Die PDS kann
dabei (noch)
an wichtigen Imagewerten anknüpfen (Anlage 1). Sie muss diese, so weit sie stark
sind,
pflegen und als wichtige Ressource der weiteren Entwicklung begreifen.23 Die
bekannte
Schwäche bei der Frage „Steht für gute Wirtschaftspolitik“ und „Kann wirklich
etwas
verändern“ wird kurzfristig nicht zu überwinden sein. Es ist aber zu prüfen, was
es ausgehend
von den entwickelten Vorstellungen heißen könnte, die PDS kann etwas verändern.
Das
Wirken während der Kriege gegen Jugoslawien und in Afghanistan sind Beispiel
dafür. Wir
brauchen aber vor allem auch mehr Beispiele im Alltag auf regionaler und
kommunaler Ebene,
die öffentlich zu vermitteln sind.
Die PDS ist im Osten Deutschlands weiterhin eine der drei großen Parteien und
muss um
diese Position mit aller Kraft kämpfen. Dabei steht die Frage, wie sie ihre
Eigenständigkeit
gegenüber der SPD deutlich herausarbeitet und ein eigenes Profil entwickelt. Die
Diskussion
22 Wie Bernd Rump mit Blick auf die Wahlen schreibt: „Das politische
Grundanliegen der ‚sozialen
Gerechtigkeit’ bedarf der Ergänzung der ‚Selbstbestimmtheit’. Freiheit ist
Voraussetzung von Gerechtigkeit; es
geht um die Ermächtigung der Schwachen... Subversivität muss einen neuen Klang
bekommen... Von unten her
herangehen. Ein Potential bis in die Mitte herauf erschließen.“
23 Mit Besorgnis war schon vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt zu vermerken, dass
die PDS zwischen 1998 und
2001 bei den Imagewerten „setzt sich für Ostdeutschland ein“ von 58 auf 45
Prozent gesunken war, beim
„Eintreten für soziale Gerechtigkeit“ von 47 auf 35 Prozent, beim „Engagement
für Benachteiligte“ von 47 auf
34 Prozent, beim „Engagement für Demokratie“ von 32 auf 27 Prozent. Bei der
These „hat gute
Politiker/innen“ sank die Zustimmung von 36 auf 22 Prozent und bei „vertritt
meine Interessen“ von 25 auf 17
Prozent, was sogar unter dem Wahlergebnis von 2002 lag (Quelle: M. Chrapa).
19
muss im Rahmen der Entwicklung der Gesamtstrategie der PDS geführt werden. Es
sollte
dabei beachtet werden, dass die PDS im Osten die SPD aufgrund von deren starker
bundespolitischer Verankerung nicht verdrängen kann, selbst in absehbarer Zeit
nicht über ein
Drittel der Stimmen erreichen kann und jetzt kämpft, nicht weiter unter 20
Prozent zu fallen.
Für eine Regierungsbeteiligung ist die PDS daher immer auf die SPD angewiesen,
nicht aber
umgekehrt. Innerhalb eines von der SPD geführten Regierungsprojekts kann sie
offensichtlich
auch nicht mit der SPD um das Image der besseren Regierungspartei erfolgreich
konkurrieren.
(3) Zu den nächsten Aufgaben
Unseres Erachtens sind vornehmlich drei Fragen zu lösen: (a) Verständigung über
die
wesentlichen inneren Ursachen der Wahlniederlage; (b) Schritte zur Erarbeitung
einer
Strategie der PDS für die nächsten Jahre; (c) personelle Fragen. Wenn die oben
gemachten
analytischen Einschätzungen grundsätzlich richtig sind, dann müssen vor allem
folgende
Aufgaben gelöst werden:
1. Einleitung einer öffentlichen und offenen Diskussion über das Profil der
PDS auf dem Geraer Parteitag
Diese Diskussion muss auf dem Geraer Parteitag begonnen werden und sollte bis
zum späten
Frühjahr 2003 im wesentlichen abgeschlossen sein. Der neue Parteivorstand sollte
dazu bis
Ende Dezember ein Thesenpapier vorlegen und auf Parteikonferenzen zur Diskussion
stellen.
Im Zentrum sollte die Rolle der PDS als Teilnehmer und Katalysator einer
zukunftsfähigen
sozialen Alternative zum Neoliberalismus stehen (wirksame und attraktive Inhalte
statt einer
auf die SPD zentrierten Regierungsarithmetik). Im Jahre 2003 ist u. E. auch der
überarbeitete
Entwurf des Parteiprogramms zum Beschluss vorzulegen. Ausgehend von den
brennendsten
Fragen sozialer Bewegungen und der Forderungen der Bürgerinnen und Bürger sind
Grundelemente eines gesellschaftlichen Reformprojekts zu skizzieren, die über
die nächsten
Jahre die Arbeit der PDS bestimmen sollten. Referate auf dem Parteitag sollten
diesen Prozess
einleiten. Im Parteivorstand ist eine eigenständige Gruppe Analyse und Strategie
aufzubauen,
die auf der Basis eines breiten Dialogsprozesses die Kernelemente erarbeitet und
zusammenfasst sowie ein ständiges Monitoring sichert.
2. Konkrete Reformprojekte als Maßstab von PDS-Politik
Die PDS muss sich über eine lange Zeit hinweg einem Bündel konkreter
Reformprojekte
zuwenden, die Kernelemente einer linken Alternative zum Neoliberalismus in
Deutschland
markieren könnten und in der Bevölkerung auch mehrheitsfähig sind. Diese
Reformprojekte
müssen überzeugend sein im Sinne, dass sie gerecht, vernünftig und umsetzbar
sind – wenn
dafür der politische Wille vorhanden ist. Ohne konkret fassbare Ziele und die
praktische
Organisation von Veränderung in diese Richtung hat eine Organisation ihren
gemeinsamen
Willen verloren und strahlt Handlungsunfähigkeit und Resignation aus. Gerade
auch die
Fraktionen der Landtage müssen sich wieder ihrer Rolle als Teil einer
gesellschaftlichen Kraft
bewusst werden. Nicht die Bewertung von Regierungsvorlagen, sondern der Beitrag
zur
Lösung von realen Problemen sollte im Vordergrund stehen. Die Arbeitsweise der
PDS muss
den gesellschaftlichen Problemlagen und formulierten Projekten folgen und ihre
eigenen
Strukturen entsprechend umbauen. Ohne die Bündelung aller Kräfte um gemeinsame
konkrete
Projekte werden interne Machtkämpfe und taktische Spiele auch weiter den Vorrang
haben.
20
Grundelemente einer solchen Alternative könnten sein24:
a) Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch ein komplexes Maßnahmebündel
b) Moderne soziale Bildungspolitik
c) Konkretes, realistisches, auch problematisierendes Projekt zur Angleichung
der Löhne,
Renten und anderen Leistungen Ost-West
d) Antikriegsprojekt
e) Projekt der Umverteilung von oben nach unten
3. Parteireform
Über die schon an anderer Stelle ausgeführten Überlegungen hinaus sind folgende
Fragen
konsequent einer Bearbeitung zuzuführen: (1) Erschließung neuen intellektuellen
Potenzials
und Öffnung der Partei dafür, insbesondere konkrete, geradezu personelle
Erschließung
intellektueller und politischer Impulse aus Westdeutschland und aus den neuen
internationalen sozialen Bewegungen sowie den Gewerkschaften; (2) Pflege und
Erneuerung
der sozialen Verankerung der PDS: Mitgliederpartei; ehrliche Einbeziehung und
Beteiligung
der Mitgliedschaft in die Politik- und Strategieentwicklung; Entwicklung von
Dienstleistungsangeboten für Jugendliche, soziale und kulturelle Initiativen
etc. auf Bundes-,
Landes-, Kreisebene; Transparenz; offener demokratischer Politikstil; Menschen
erkennbar
ernst nehmen statt Papierproduktion; Bescheidenheit und Aufmerksamkeit der
PDS-Politiker;
moralisch unanfechtbarer Umgang mit Finanzen, auch im Parteivorstand; (3)
Enthierarchisierung des Parteivorstandes; deutliche Erhöhung der Qualität in
seiner
Führungsfähigkeit, Ausstrahlung, seines intellektuellen Niveaus, Verjüngung
nicht auf der
Grundlage von Jugendkult, sondern auf der Grundlage eben von Qualität.
4. Erneuerung der Arbeit des Parteivorstandes
Der Bundesvorstand rückt durch den Verlust der Bundestagsfraktion in die
wichtigste
bundespolitische strategische Funktion. Dem ist Rechnung zu tragen. Das
Potenzial der
Fraktion ist zu nutzen.25 Der Parteivorstand ist zum wichtigsten strategischen
Gremium zu
entwickeln und zu enthierarchisieren. Seine öffentliche Ausstrahlung, sein
intellektuelles
Niveau, die Westvertretung und Verjüngung sind zu sichern. Von besondere
Bedeutung ist
eine arbeitsteilige Kooperation entsprechend den wichtigsten strategischen
Richtungen
(sozialen Bezugsgruppen, Aufgaben usw.).
Bezogen auf den Apparat des Parteivorstandes bedeutet dies: (1) intelligente
Ergänzung,
inhaltlicher Aufbau und z.T. Erneuerung der Mitarbeiterschaft im PV entsprechend
den
schwierigen Bedingungen ohne BT-Fraktion und für die Notwendigkeit einer starken
und
kompetenten Führung aus der Krise (mit kameradschaftlichen Methoden gegenüber
den
Betroffenen); (2) effektive Vernetzung der Kapazitäten des Parteivorstandes mit
jenen in LT-
24 Vgl. dazu auch als Anlage 2 eine Ausarbeitung von Dieter Klein.
25 Wie Genossen aus Salvador schrieben: „Not having deputies in parliament might
seems as the lost of an
opportunity but that gives you a group of people that is now free of all the
paper work and the follow up work
that is demanded of deputies. They can now put all that knowledge at the service
of party to create a new social
base. That is what we have been doing. For example, two deputies of the FMLN
decided not to run in the 1997
elections and dedicate their time to built a new social movement based on our
ideas. Dagoberto Gutierrez and
David Pereira are now very well known and their work and opinions are usually
quoted in national media. Little
by little we have been creating a public image that allow us to express our
position on the local political agenda.”
21
Fraktionen und im Europäischen Parlament. Nutzung der Möglichkeiten der
politischen
Bildung. Ziel muss sein, den PV inhaltlich zur Führung in dieser komplizierten
Situation zu
befähigen und auf die oben genannten Schwerpunkte zu orientieren; (3)
entschiedene
Professionalisierung der Führung und Organisation der Partei, der
Öffentlichkeitsarbeit und
der Wahlkämpfe; (4) grundlegende und wirkungsvolle Öffnung zur
Parteimitgliedschaft,
ehrliche, konsequente und effektive Einbeziehung der Mitglieder; (5) energische
Stärkung der
IG’s und AG’s unter Nutzung der Kapazitäten von Fraktionen sowie in
Zusammenarbeit mit
der RLS.
5. Öffentlichkeitsarbeit
Mehr denn je befindet sich die PDS in der Situation, in die mediale
Bedeutungslosigkeit zu
verfallen. Die wichtigste bundespolitische Verankerung des Medienbezugs ist
weggefallen.
Politik, die durch sich selbst medial interessant wird und zur Kenntnis genommen
werden
muss, wird deshalb überlebenswichtig. Professionalität, Organisation, Bündelung
bzw.
Vernetzung der Finanzen, Aktionen, außerparlamentarischen Arbeit, Koordinierung
Bund-
Länder-Fraktionen sind dafür die Voraussetzungen. Öffentlichkeitsarbeit muss
einen
alternativen Politikstil vermitteln und ermöglichen. Projekte, Kampagnen,
symbolische
Inszenierungen, die professionell vorbereitet sind und breite soziale
Unterstützung erfahren,
gehören dazu. Ein entsprechendes Image der PDS als Partei, die soziale Nöte
medial wirksam
inszeniert und zum öffentlichen Thema macht, ist dringend aufzubauen.
6. Der Geraer Parteitag
Der Parteitag muss erstens eine klare Analyse der Ursachen der Wahlniederlage
geben und sie
vor allem intern ausmachen. Dabei ist der Widerspruch zwischen objektivem
Potenzial der
PDS und der vor allem durch Führungsschwäche verursachten völlig unzureichenden
Ausschöpfung dieses Potenzials in den Vordergrund zu stellen. Es ist deutlich zu
machen,
dass bei Überwindung dieser Probleme die PDS weiterhin die Chance und die
Pflicht hat, sich
als demokratisch sozialistische Partei in Deutschland, als Stachel im Fleisch
der herrschenden
Klassen, zu etablieren. Sie kann dies, wenn sie sich als gestaltende
Oppositionskraft
entwickelt. Zweitens sind konkrete Festlegungen zu treffen, die dazu führen, bis
zum späten
Frühjahr nächsten Jahres wichtige Führungsschwächen zu überwinden und die
Voraussetzungen zu schaffen, bei den Wahlen zu Landtagen und zum Europaparlament
2004
Ergebnisse deutlich über 20 Prozent bzw. deutlich über 5 Prozent zu erzielen.
Dies ist
realistisch.
Drittens sind die personellen Voraussetzungen für eine solche Entwicklung der
PDS zu
schaffen. Wir werden nicht in der Lage sein, kurzfristig auch nur die größten
Defizite zu
beheben. So besteht die Doppelaufgabe, einerseits die konsequente Führung für
die nächsten
Jahre zu sichern und andererseits eine gezielte Personalentwicklung für
Führungsaufgaben zu
betreiben. Die Blockade in der Führung der PDS ist zu beseitigen, ein
kooperativer
strategischer Führungsstil zu ermöglichen, für die wichtigsten Arbeitsfelder
sind Personen zu
gewinnen, die auf ihnen über die nächsten Jahre arbeiten werden. Ohne eine
enorme
Erhöhung der intellektuellen Ausstrahlung der PDS, ohne die Vertretung der PDS
in der
Öffentlichkeit durch Personen, die überzeugende Identifikation ermöglichen, wird
die
Profilierung der PDS medial nicht erfolgen können. Angesichts der gegenwärtigen
Schwäche
der Führung erzeugt nicht zuletzt Angst die Tendenz zu Mittelmaß.
22
Anlage 1: Parteien-Images im Zeitverlauf
(Mehrfachnennungen möglich, Angaben in Prozent, gerundet)
Diese Partei ... Ost West
Hat zukunftsorientierte Ideen 98 00 01 02/
Fe
02/
Ju
98 00 01 02/
Fe
02/
Ju
B/Gr 14 10 9 17 23 19 17 23
CDU/(CSU) 12 16 11 32 25 27 13 34
FDP 2 7 7 19 11 12 10 23
PDS 13 25 16 22 2 7 4 8
SPD 26 28 17 27 37 37 17 26
Rechte 2 3 1 1 1 2 2 2
Keine 20 22 26 19 17 20 29 18
Tritt für soziale Gerechtigkeit ein 98 00 01 02 98 00 01 02
B/Gr 13 3 9 11 19 12 22 18
CDU/(CSU) 8 9 11 17 22 20 16 26
FDP 1 2 4 7 8 8 9 10
PDS 35 37 39 42 40 4 9 13 12 11
SPD 41 30 23 31 57 41 35 42
Rechte 0 2 1 0 0 1 2 0
Keine 11 23 18 19 14 22 21 20
Hat gute Politiker/innen 94 98 00 01 02 94 98 00 01 02
B/Gr 15 11 6 7 21 16 17 15 25 29
CDU/(CSU) 32 18 21 16 38 41 34 32 22 44
FDP 15 8 8 8 17 16 13 18 16 26
PDS 33 24 25 25 33 4 3 7 8 7
SPD 44 41 32 32 36 40 41 44 39 44
Rechte 1 1 2 2 0 1 1 1 2 1
Keine 11 16 22 26 14 20 19 19 23 14
Steht für gute Wirtschaftspolitik 94 98 00 01 02 94 98 00 01 02
B/Gr 3 7 1 4 4 2 7 3 7 6
CDU/(CSU) 34 19 22 18 43 24 37 32 23 44
FDP 9 7 7 8 12 18 13 11 16 21
PDS 7 8 12 12 8 1 1 1 2 1
SPD 19 36 26 26 26 24 37 37 30 25
Rechte 0 0 1 1 0 0 0 0 1 0
Keine 19 19 27 24 18 19 16 20 21 17
Kann wirklich etwas verändern 94 98 00 01 02 94 98 00 01 02
B/Gr 23 13 4 3 11 27 23 9 7 17
CDU/(CSU) 27 19 16 11 37 41 32 21 14 38
FDP 7 4 6 2 12 13 13 8 4 16
PDS 27 11 21 6 14 3 3 4 2 5
SPD 41 40 27 20 28 39 42 32 20 33
Rechte 3 2 3 1 1 2 2 2 1 1
Keine 5 12 33 33 22 11 15 29 38 19
Quellen/Erhebungsinstitute:
1994, 1998 = Info-Institut Berlin
2000 = Emnid (im Auftrag von FOKUS/SocialData)
2001 = FOKUS (im Auftrag von FOKUS/SocialData)
2002 = Info-Institut Berlin(1. Welle: Februar 2002, 2. Welle Juni 2002)
23
Anlage 2: Dieter Klein: Alltagsschritte und Visionen
Die Verwirklichung von Visionen beginnt selten mit heroischen Ereignissen. Wohl
aber muss
sie bei der Kritik aller kritikwürdigen Zustände ansetzen, an der Bündelung von
Unbehagen,
Protest und Widerstand. Eine der Ursachen für die schwere Wahlniederlage der PDS
in den
Bundestagswahlen 2002 ist, dass Teile ihrer Stammwählerschaft, ihrer
Sympathisantenkreise
und ihrer Mitgliedschaft diese Funktion einer sozialistischen Opposition nicht
mehr
ausreichend in der Politik der PDS wiederfinden. Der Eindruck hat sich
verbreitet, dass eine
Reihe ihrer Mandatsträger die Verhältnisse eher verbessert verwalten will als
die Kritik an
ihnen hart und deutlich zu formulieren.
Eine der großen Schwierigkeiten für die Linke ist, dass es in der Regel viele
und oft nur
kleine Schritte sind, in denen Visionen allmählich Gestalt gewinnen. Allerdings
– solche
Schritte müssen vom Atem der Vision und des Widerstands berührt sein, wenn sie
in eine
andere Gesellschaft der Gerechtigkeit, des Friedens zwischen den Völkern und mit
der Natur,
der Freiheit und Solidarität führen sollen.
Der Physiker Werner Heisenberg schrieb über die Aufgabe der Wissenschaften, aus
dem
Gewohnten herauszutreten: „... wirkliches Neuland in einer Wissenschaft (kann)
wohl nur
gewonnen werden, wenn man an einer entscheidenden Stelle bereit ist, den Grund
zu
verlassen, auf dem die bisherige Wissenschaft ruht, und gewissermaßen ins Leere
zu
springen.“ Aber er dachte auch über die Voraussetzungen für den Sprung in
wissenschaftliches Neuland nach, die ebenso für gesellschaftlichen Wandel
gegeben sein
müssen, über das Anknüpfen an entwicklungsfähigem Gegebenen: „Der Versuch, alles
Bisherige aufzugeben und willkürlich zu ändern, führt zu reinem Unsinn.“
(Heisenberg 1987:
24, 22)
Wer die Gesellschaft verändern will, darf nicht den Boden unter den
absprungbereiten Füßen
verlieren. Denn dann würde der kleinste Sprung unmöglich. Wir können uns keine
illusionistischen Utopien erlauben und dürfen uns zugleich nicht in das Gewohnte
fügen.
Arbeit in und am Gewohnten mit dem Versuch ist notwendig, es zu verbessern und
darüber
hinaus nach und nach – und gewiss nicht ohne tiefe Brüche - zugunsten des
Ungewohnten zu
verlassen. Dies ist der Grundgedanke des demokratischen Sozialismus als
transformatorisches
Projekt.
Wenn der Eindruck entsteht, dass Reformschritte einer linken Partei nicht viel
mehr sind als
ein besseres Einfügen in die herrschenden Verhältnisse, macht sie sich selbst
überflüssig.
Aber auch wenn sie die möglichen Schritte, die Anschlüsse für weitere
Schrittfolgen über
sozialdemokratische Politik hinaus bergen, nicht zu formulieren und in
praktische Politik
umzusetzen weiß, stirbt die Vision, weil sie keinen Anschluss an die
Wirklichkeit hat.
Es scheint einfacher, sich eine schöne neue Welt auszudenken als die gegenwärtig
möglichen
Schritte zu erkunden, die in ihre Richtung weisen. Doch gerade dies muss
geleistet werden.
Widerstand, Kritik und Protest, kurz, sozialistische Opposition, bedarf der
Substanz von
Gegenangeboten. Deshalb formulierte eine Autorengruppe im Vorfeld der
Bundestagswahlen
2002 solche Schritte, die für sich genommen nicht spektakulär und deshalb
realistisch sind,
die unter den gegebenen Verhältnissen bei entsprechendem politischen Willen
durchaus getan
werden können, die keineswegs die bestehende Ordnung in Frage stellen, die in
ihrer
Gesamtheit jedoch neoliberaler Politik entgegengesetzt sind und Ansätze für eine
emanzipative Reformalternative bergen (Dellheim, Dietzel, Falkner, Ihme, Klein,
Steinitz
2002). Deshalb wurden diese Vorschläge hier aufgenommen, ohne den Sprachstil der
genutzten Publikation zu verändern.
24
1. Arbeit
Parieren, flexibel sein und Kosten sparen durch einen breiten Niedriglohnsektor
– das soll
nach neoliberalem Muster zu mehr Beschäftigung führen. Diese Wege sind Irrwege,
weil sie
unsozial sind. Das längerfristige Ziel der PDS ist Teilhabe an
existenzsichernder sinnvoller
Arbeit für ausnahmslos alle Arbeit Suchenden. Dringlich ist in Übereinstimmung
mit
gewerkschaftlichen Forderungen, die Überstunden drastisch zu vermindern, die
sozialen
Rahmenbedingungen für freiwillige Teilzeitarbeit zu verbessern und dadurch neue
Arbeitsplätze zu schaffen. Guthaben auf betrieblichen Arbeitszeitkonten durch
unvermeidbare
Überstunden müssen bei Konkursfällen, Arbeitsplatzwechsel und Arbeitslosigkeit
erhalten
bzw. in Geldform ausgezahlt werden.
Wir wenden uns gegen einen Abbau von Arbeitnehmerrechten wie dem
Kündigungsschutz
unter dem Deckmantel der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes. Wir wollen eine
Arbeitszeitpolitik, die für die Arbeitenden mehr Zeitsouveränität bringt, dem
zunehmenden Arbeitsstress erfolgreich entgegenwirkt und die Bedingungen für
Partnerschaft
und das Leben mit Kindern verbessert. Nur wenn den Arbeitgebern der Weg
versperrt wird,
auf jede Arbeitszeitverkürzung mit verstärktem Leistungsdruck und steigender
Arbeitshetze
zu reagieren, kann eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung durch Umverteilung von
Arbeit zu
neuen Arbeitsplätzen führen. Wir widersprechen verstärktem Druck auf Arbeitslose
und
wollen ihre Rechte und Ansprüche auf Erwerbsarbeit stärken.
Auf absehbare Zeit bleiben angesichts andauernder Massenarbeitslosigkeit –
speziell für
Ostdeutschland – arbeitsbeschaffende Maßnahmen im Rahmen der Arbeitsförderung
unverzichtbar. Wir lehnen die Anstrengungen – vor allem der CDU/CSU und der FDP
- ab,
diese Maßnahmen radikal einzuschränken. Gebraucht wird ein Wandel von der
Personenförderung zur Projektförderung, die den Menschen auch die Perspektive
gibt, über
ein bzw. zwei Jahre hinaus in einer sozialen, erzieherischen, kulturellen oder
anderen
Tätigkeit weiterzuarbeiten, sich zu qualifizieren und eine berufliche
Perspektive aufzubauen.
In einem „Fonds für regionale Gemeinschaftsaufgaben“ könnten Teile der
bisherigen
Fördermittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) und
Strukturanpassungsmaßnahmen
(SAM) zu größerer Wirksamkeit zusammengefasst werden.
Spezielle Programme für Langzeitarbeitslose und ältere Arbeitnehmer und
Arbeitnehmerinnen sind erforderlich, um sie in den Arbeitsprozess zu
integrieren. Vorstöße
zur Verkürzung des Arbeitslosengeldes für Ältere von 32 auf 12 Monate und die
Regelung,
dass zur Einstellungsbedingung der Verzicht von Älteren auf Kündigungsschutz
gemacht
werden soll, lehnen wir ab.
Als arbeitsfördernde Maßnahmen für Geringqualifizierte betrachten wir gezielte
individuelle Vereinbarungen mit Hilfe der Arbeitsvermittlung über Qualifizierung
und
Arbeitsaufnahme, die Verbindung von Qualifizierungsangeboten mit
Lohnsubventionen, die
Schaffung von Beschäftigungspools und die Nutzung öffentlich geförderter
Beschäftigung als
Übergang in den regulären ersten Arbeitsmarkt.
Für junge Menschen muss, u. a. durch Fortführung und Weiterentwicklung des
Programms JUMP, der Übergang von der Ausbildung in Erwerbsarbeit gesichert
werden.
Wirtschaftsförderung und Strukturpolitik müssen an beschäftigungs- und
umweltpolitische
Ziele gekoppelt, auf die Stärkung regionaler wirtschaftlicher Zusammenhänge
konzentriert werden und so vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen
stärken.
Eine verstärkte Förderung von Investitionen in regenerierbare Energien und von
Energieeinsparung – beispielsweise bei der Rekonstruktion von Wohnungssubstanz –
soll
kleinen und mittleren Unternehmen beschäftigungswirksame Chancen geben.
Dringlich ist ein
25
Sofortprogramm für kommunale Investitionen. Genossenschaften bedürfen einer
stärkeren
Förderung.
2. Soziale Sicherheit
Soziale Sicherheit wird in der Öffentlichkeit verbreitet als leistungshemmend
und als
„Hängematte für Faulenzer“ infrage gestellt. CDU und CSU wollen den Anteil der
Staatsausgaben am Bruttoinlandprodukt um rund 20 Prozent senken. Das würde zu
einem
neuen Schub katastrophaler Senkung von Sozialleistungen führen. Ein
Zwei-Klassen-
Gesundheitssystem auf der ganzen Linie ist das Ziel starker gesellschaftlicher
Kräfte. Die
FDP will die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes drastisch verringern. SPD und
Grüne haben
mit der Art und Weise des Einstiegs in die private Altersvorsorge zu Gunsten
einer Entlastung
der Sozialbeiträge von Unternehmern bewiesen, dass ihren Versprechen zur
Bewahrung des
Solidarprinzips im deutschen Sozialsystem nicht zu trauen ist.
Bedarfsorientierte soziale Grundsicherung
Wir verteidigen in Übereinstimmung mit Wohlfahrtsverbänden, Kirchen,
Gewerkschaften und
anderen die paritätische Beitragsfinanzierung der sozialen Sicherungssysteme
gegen den
weiteren Rückzug der Unternehmen von hälftiger Finanzierung. Wir wollen in das
soziale Sicherungssystem der Bundesrepublik schrittweise eine bedarfsorientierte
soziale
Grundsicherung oberhalb des Sozialhilfeniveaus einführen. Dazu gehören:
- gesetzlich und tarifvertraglich geregelte Mindestlöhne beginnend in Branchen
mit
besonders verbreiteter Niedriglohnarbeit;
- altersabhängig gestaffelte Grundsicherung für Kinder und Jugendliche;
- Weiterführung der eingeführten Alterssicherung auf einem höheren Niveau und
- in der Perspektive ein Recht auf ein Sabbatjahr nach einer Reihe von
Arbeitsjahren bei
Vertretung durch bisher Arbeitslose.
Statt das Niveau der Arbeitslosenhilfe auf die Sozialhilfe abzusenken, will die
PDS in die
Arbeitslosenunterstützung eine steuerfinanzierte bedarfsorientierte
Grundsicherung
einführen, damit kein Arbeitsloser vom Arbeitsamt in das Sozialamt gehen muss.
Die
kommunalen Haushalte würden von der Last der Sozialhilfe befreit werden.
Arbeitsversicherung
Die Arbeitslosenversicherung wollen wir zu einer Arbeitsversicherung für alle
Erwerbstätigen entwickeln, die nicht nur Ansprüche auf Einkommen, sondern auch
auf
Qualifikation schafft, die Job-Rotation und flexible Übergänge von sozial
abgesicherter
Familienarbeit in Erwerbsarbeit und umgekehrt ermöglicht.
Gesundheit
Eine grundlegende Reform des Gesundheitswesens ist überfällig, die den weiteren
Weg in
die Zwei-Klassen-Medizin versperrt, die für jede und jeden eine hohe Qualität
der
medizinischen Versorgung garantiert und Benachteiligungen von sozial Schwachen,
von
Menschen mit Behinderungen und chronisch Kranken ausschließt und präventiver
Sorge für
die Gesundheit größeres Gewicht gibt.
Vieles ist im Gesundheitswesen ineffizient und muss verändert werden – unter
anderem
Doppeluntersuchungen und Trennung von stationärer und ambulanter Behandlung.
Doch
Kommerzialisierung und Marktwettbewerb im Gesundheitswesen à la FDP, CDU und CSU
26
sind kein Weg dafür – Patientinnen und Patienten sind bedürftige Menschen und
nicht bloße
Kostenfaktoren.
Mit weniger Mitteln auskommen zu können, wenn die moderne Medizin für alle da
sein soll,
ist eine Illusion. Deshalb brauchen wir eine Strukturreform in der Finanzierung
des
Gesundheitswesens: Das Solidarprinzip muss wieder umfassende Geltung erhalten.
Der
Gang der Reichen, Gesunden und Jungen in Privatversicherungen muss gestoppt
werden,
damit nicht die sozial Schwächeren und Kranken ohne Solidarausgleich in den
gesetzlichen
Kassen auf sich allein verwiesen werden. Beamte, Selbstständige und Abgeordnete
sollen in
die gesetzliche Krankenversicherung einbezogen und so die Finanzierung auf
breitere
Grundlagen gestellt werden. Alle Einkommensarten müssen in die Finanzierung der
Krankenversicherung einbezogen werden – auch Einkünfte aus großen Vermögen,
Anlagen, Finanzoperationen usw.
Bildung, Kinderbetreuung und Ganztagsschulen
Alle reden jetzt davon, wie wichtig Bildung, Ganztagsschulen und Kinderbetreuung
seien.
Für Linke war immer klar, dass es für Kleinkinder ein gesichertes und öffentlich
gefördertes
ausreichendes Angebot an Betreuungsplätzen geben muss. Wir haben uns immer dafür
eingesetzt, dass nicht erst die Schulen, sondern schon die Kitas einen
Bildungsauftrag haben.
Mit qualifizierter Vorschul-Sprachförderung im Bedarfsfall wird in hohem Maße
vorentschieden über Erfolg in der Schulbildung, über den Zugang zu
Berufsausbildung und zu
späteren Arbeitsplätzen. Für uns ist ferner selbstverständlich, dass das Angebot
von
Schulhorten und Ganztagsschulen ausgeweitet werden muss, u. a. deshalb, um die
Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen wie für Männer zu ermöglichen.
Darüber hinaus brauchen wir kurzfristig ein Bund-Länder-Programm „Schuloffensive
2003
– 2006“, um die Klassenfrequenzen zu senken, Unterrichtsausfall zu stoppen und
um Lehr- und Lernmittel, Schulgebäude und Fachräume zu modernisieren. Wir
wollen, dass Schulen
zu sozio-kulturellen Zentren über den Unterricht hinaus werden, als Gegengewicht
zu
Gewalt, zu rechtsradikalen und neofaschistischen Tendenzen, unterstützt durch
qualifizierte
Sozialarbeiter.
Die Weiterbildung von Lehrerinnen und Lehrern muss unter anderem auf Lebensnähe
der
Schule und auf soziale Verantwortung der Kinder und Jugendlichen zielen.
Eine Minimalforderung für gleiche Bildungschancen an Hochschulen und
Universitäten ist,
dass keine Studiengebühren erhoben werden.
Junge Leute werden dort mit ihren sozialen Anliegen und ihrem Widerspruch aktiv,
wo sie in
eigener Verantwortung ihr Engagement entwickeln können. Unbürokratisch für
materielle
Voraussetzungen ihrer Vorhaben und Projekte zu wirken, ist zunehmend eine
Aufgabe der
Politik.
3. Ein neuer Aufbruch für Ostdeutschland
Zur Erschließung regionaler Entwicklungspotenziale streben wir eine
Innovations-,
Investitions- und Gründungsoffensive für ostdeutsche Unternehmen an. Dafür ist
es
notwendig, öffentliche Fördermittel zu bündeln. Unternehmensverbünde und
Netzwerke
zwischen kleinen und mittleren Unternehmen, wissenschaftlichen und
Bildungseinrichtungen
sowie regionalen Akteuren sollen stärker gefördert werden.
Die für die Zeit nach 2010 geplanten öffentlichen Infrastrukturinvestitionen für
Ostdeutschland müssen vorgezogen werden. Ein über fünf Jahre laufendes
kommunales
Entwicklungsprogramm zum Ausbau und zur Vervollkommnung der Infrastruktur in
27
Ostdeutschland und in strukturschwachen Regionen Westdeutschlands könnte
wichtige
Aufbruchsignale aussenden. Infrastruktur- und Arbeitsförderung würden
zusammengeführt,
kleine und mittlere Unternehmen bekämen Aufträge zur Lösung regionaler Probleme.
Die
Exportkraft würde gestärkt.
Dringend erforderlich ist es, die Altschulden des DDR-Wohnungsbaus zu streichen.
Die
ostdeutsche Wohnungswirtschaft muss überleben. Die PDS bleibt bei ihrer
Forderung, die
Diskriminierung Ostdeutscher, beispielsweise bei Berufsabschlüssen oder Renten,
zu
beenden. Schließlich bekräftigt sie ihre Position, dass die Politik die
Tarifpartner mit einem
Fahrplan zur Angleichung der Löhne unterstützen muss.
Die Erweiterung der EU begreifen wir als Chance. Sie könnte aber auch als
Brückenschlag
von westdeutschen Standorten nach Mittelosteuropa über Ostdeutschland einfach
hinweggehen. Deshalb ist der Ausbau grenznaher und grenzüberschreitender
Verkehrs- und
Wirtschaftsverbindungen dringlich. Die Grenzregionen brauchen eine beträchtliche
Aufstockung im Rahmen des EU-Sonderprogramms. Wir wollen eine „Bildungs- und
Sprachoffensive Osterweiterung“. All das ist notwendig, um die Chancen der
Osterweiterung
zu nutzen.
4. Steuergerechtigkeit
Die Versprechen von CDU/CSU und FDP, die Steuern für alle drastisch zu senken
und
gleichzeitig deutlich mehr für Bildung und andere Zwecke auszugeben, sind
unseriös. Der
Sozialstaat ist nicht durch Hoffnungen auf Wirtschaftswachstum zu bezahlen. Auch
SPD und
Grüne lehnen eine Wiedererhebung der Vermögenssteuer ab. Ihre Regierung hat
ermöglicht,
dass die Aktiengesellschaften im letzten Jahr nicht eine einzige Mark
Körperschaftssteuer
zahlten.
Der Standpunkt der PDS dazu ist: Umkehr zu Steuergerechtigkeit! Umverteilung von
oben
nach unten statt von unten nach oben! Um-Steuern!
Als SPD und Grüne die Vermögenssteuer aussetzten, war die Vorstellung
handlungsleitend,
dass eine Steuerentlastung großer Vermögen zu mehr Investitionen und damit zu
mehr
Wachstum und Beschäftigung führen würde. Die hohe Arbeitslosigkeit beweist:
diese
Rechnung geht nicht auf. Die PDS fordert die Wiedererhebung der Vermögenssteuer
auf
veränderter Grundlage. Eigentum ist sozialpflichtig!
Eine Unternehmenssteuerreform soll die großen Kapitalgesellschaften stärker an
der
Finanzierung sozialer und ökologischer Aufgaben beteiligen und das gegenwärtige
Ungleichgewicht in der Besteuerung zu Lasten kleiner und mittlerer Unternehmen
überwinden.
Wir wollen die Versteuerung von Gewinnen aus der Veräußerung von Anteilen einer
Kapitalgesellschaft an einer anderen. Das würde Steuerverluste rückgängig
machen, die SPD
und Grüne zugunsten des großen Kapitals den einfachen Steuerzahlern zumuten.
Dringlich ist, dass die gegenwärtige Art der Globalisierung umgekehrt wird.
Statt mehr
Instabilität und mehr Ungerechtigkeit wollen wir die Globalisierung nach dem
Leitbild
einer kooperativen Weltwirtschaftsordnung gestalten: sozial, ökologisch,
demokratisch.
Wir wollen, dass Deutschland zum Aktivposten bei der demokratischen Kontrolle
der
internationalen Finanzströme und der Einbindung internationaler Konzerne in die
soziale
Verantwortung wird. Wir stimmen mit Attac überein: Vermögende und Konzerne
dürfen sich
nicht weiter durch die Flucht in Steueroasen der Besteuerung entziehen.
Deutschland muss
sich aktiv dafür einsetzen, dass die Steueroasen abgeschafft werden. Wie Attac
und andere
Initiativen staatenübergreifender Bewegung von unten fordern wir die Einführung
einer
28
Steuer – der Tobin-Steuer – auf spekulative Devisengeschäfte und eine
Börsenumsatzsteuer. Die Besteuerung von tagesdurchschnittlich mehr als 1,6
Billionen
Dollar Devisenumsatz könnte einen ersten Schritt zu einer neuen gerechten
Weltwirtschaftsordnung bedeuten und Mittel für den Kampf gegen Hunger und Elend
in den
armen Ländern mobilisieren. Eine Vereinbarung darüber unter den
EU-Mitgliedsstaaten
könnte den Ausgangspunkt für die Milderung globaler Probleme und dringend
erforderliche
Veränderungen der Weltwirtschaft bilden. Ein Mindestziel in der
Entwicklungspolitik muss
bleiben, dass 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts der Bundesrepublik den so
genannten
Entwicklungsländern zufließen.
5. Friede und Abrüstung
Wir brauchen Abrüstung jetzt und mehr Mittel für zivile Konfliktlösungen. Wir
wollen
keine weltweiten Militäreinsätze der Bundeswehr. Stattdessen sollte sich
Deutschland bei
der zivilen Konfliktlösung und bei der Krisenvorbeugung profilieren, denn: Die
Zivilisation muss zivilisiert verteidigt werden.
Eine Schlüsselrolle im Kampf gegen den internationalen Terrorismus müssen die
Vereinten
Nationen spielen. Wir wollen eine Welt, in der die wichtigsten Entscheidungen in
der UNO
und nicht selbst mandatiert von den USA oder von Militärbündnissen wie der NATO
getroffen werden. Wir wollen Schritte zur deutlichen Reduzierung der Bundeswehr
auf
100.000 Soldatinnen und Soldaten. Die frei werdenden Mittel im Wehretat sollen
zu 80
Prozent in einen Konversionsfonds des Bundes überführt werden, um in den
Standort-
Regionen den sozial- und umweltverträglichen Übergang von militärischen zu
zivilen
Arbeits- und Sozialstrukturen zu ermöglichen.
Alle diese Vorschläge setzen nicht die Umwälzung der gegebenen Verhältnisse
voraus. Aber
sie verkörpern Widerstand dagegen, dass als Reform nur gilt, was dem
neoliberalen Zeitgeist
der Unterordnung von Arbeitsverhältnissen, Gesundheitsleistungen, sozialen
Sicherungssystemen und des Lebens der Einzelnen unter das Diktat der Märkte
dient. In
diesen Vorschlägen steckt der Gedanke, dass jeder und jedem Bedingungen für ein
selbstbestimmtes Leben in sozialer Sicherheit zustehen, eben weil sie Menschen
sind.
Literatur:
Heisenberg, Werner, 1987: Zitiert nach: Wissenschaft im Zitat, Leipzig
Dellheim, Judith; Dietzel, Horst; Falkner, Thomas; Ihme, Bernd; Klein, Dieter,
Steinitz, Klaus,
2002: Es geht auch anders: Umsteuern: Vorschläge der PDS, Berlin
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