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Liebe
MitstreiterInnen,
heute Nachmittag haben führende FunktionsträgerInnen der Linkspartei.PDS
nachstehend einkopiertes Thesenpapier zum Vereinigungsprozess veröffentlicht.
Gefordert wird eine schnelle Fusion von oben unter Federführung der
Bundesvorstände, bei der unsere Basis nur noch in einer Urabstimmung über das
Ergebnis zu entscheiden hätte.
Hier die wesentlichen Punkte des Vorschlags:
"a) Die Bundesvorstände von WASG und Linkspartei.PDS bilden unter Hinzuziehung
von Mitgliedern der neuen Bundestagsfraktion eine Kommission zur Erarbeitung
einer inhaltlichen Vereinigungsplattform. Grundlage für die Erarbeitung sind die
Programme beider Organisationen und auf Bundesebene beschlossenen
Strategiedokumente.
b) Ergebnis sollte die Einigung auf einige wenige zentrale programmatische
Grundaussagen und die generelle strategische Orientierung sein.
c) Mit diesem Dokument sollte die Urabstimmung in beiden Organisationen
durchgeführt werden. Beide Bundesvorstände beauftragen eine gemeinsame
Statutenkommission, die aus beiden Statuten einen gemeinsamen Vorschlag
entwickeln.
d) Ist die Urabstimmung erfolgreich verlaufen, ist nach einem für beide
Organisationen gleichen Delegiertenschlüssel für einen gemeinsamen
Bundesparteitag einzuladen, die Vereinigungsplattform als vorläufiges Programm,
ein neues Statut zu beschließen und einen Bundesvorstand zu wählen. Die
Landesverbände folgen diesem Prinzip.
Die weitere inhaltliche und strategische Klärung erfolgt dann in der gemeinsamen
Partei. In der Folge zählt dann nicht der Zwang der organisatorischen Herkunft,
sondern der zwanglose Zwang des besseren Arguments in der Auseinandersetzung um
innerparteiliche Mehrheiten. Das Grundprinzip ein Mitglied, eine Stimme,
verbunden mit statutarisch verbrieften Minderheitenschutzrechten und
innerparteilicher Koalitionsfreiheit ist das demokratischste. Zudem beugt es der
Gefahr vor, dass diejenigen Interessierten, die sich bislang weder in der PDS
noch in der WASG organisiert haben, nur Betrachter des Prozesses bleiben.
Das kurzfristige Resultat wäre: die neue Partei ist in den westlichen
Bundesländern WASG-dominiert in den östlichen PDS-dominiert. Insgesamt auf der
Grundlage der aktuellen Mitgliederzahlen bundesweit PDS-dominiert. Dafür bringt
die PDS aber auch 6 Landtagsfraktionen, das Geld und die Infrastruktur mit. Auch
kein schlechtes Geschäft."
Diesem Vorschlag muss m.E. schnell ein anderes Konzept entgegen gesetzt werden.
Mit solidarischen Grüßen
Edith Bartelmus-Scholich
Dampfmühlenweg 37
47799 Krefeld
Tel./Fax: 02151/800854
enjamin.hoff@pds.parlament-berlin.de schrieb am 13.09.05 17:06:56:
Diesen Newsletter online lesen: http://www.forum-ds.de/newsletter.php?id=491
Den Newsletter gibt es auch als RSS-Newsfeed zu lesen. Weitere Infos: http://www.forum-ds.de/archiv.php
Diskussionspapier der Mitglieder des Landesvorstandes der Linkspartei.PDS-Berlin,
Stefan Liebich, Halina Wawzyniak, Carsten Schatz und Udo Wolf zur möglichen
Vereinigung von WASG und Linkspartei.PDS aus unserer Sicht. Es dient in erster
Linie der innerparteilichen Diskussion, wird aber auch den Berliner WASGlern zur
Kenntnis gegeben.
DIE DISKUSSION ZUR VEREINIGUNG VON WASG UND LINKSPARTEI.PDS - AUS DER SICHT DES
BERLINER "SONDERFALLS"
Die Gespräche über mögliche Kandidaturen von WASG-Mitgliedern auf offenen Listen
der PDS zu den Bundestagswahlen waren noch in vollem Gange und ihr Ausgang noch
ungewiss, da schrieben die Medien schon von einer neuen Linkspartei, als sei sie
ein Fakt. Umfragen für das „Linksbündnis“, dass es noch nicht gab, wurden
veröffentlicht, die stabil über 7% bundesweit lagen und Spitzenwerte über 12 %
erreichten. In der PDS machte das Wort von der „einmaligen historischen Chance“
die Runde. Andere waren skeptischer, konnten sich aber der Faszination der
Umfrageergebnisse nicht entziehen. Der Schock der verlorenen Bundestagswahlen
von 2002 saß tief, der Westaufbau stagnierte auf niedrigstem Niveau. Die Sorge,
allein mit guten Wahlergebnissen im Osten könnte die PDS doch erneut an der
5%-Hürde scheitern war berechtigt. Ein eigenständiges Antreten der WASG hätte
diese Gefahr noch erhöht. Folglich gab es in der PDS kaum Streit über das „Ob“
eines gemeinsamen Wahlantritts, sondern um das „Wie“ und die weitergehenden
Perspektiven.
Der etwas albern anmutende Streit in der PDS, ob die Chance nun historisch
genannt werden muss, Bekenntnisse eingefordert werden, dass man die gemeinsame
Perspektive nicht nur aus taktischen sondern auch prinzipiellen Gründen will,
hat einen tieferen Kern. Es geht um die seit längerem umstrittene inhaltliche
und strategische Ausrichtung der PDS und der Linken insgesamt. Wie wird das in
Potsdam beschlossene „strategische Dreieck“ aus Protest, Gestaltung und über den
Kapitalismus hinausweisende Alternativen interpretiert? Ein Streit von wenig
aktuellem Belang für den Ausgang der Bundestagswahlen, wohl aber für die
Perspektive danach.
Mittlerweile hat das „Projekt Linkspartei“ als Vereinigung von WASG und
Linkspartei.PDS eine eigene Dynamik entwickelt. Auf Bundesebene gilt eine
Vereiningung fast schon als beschlossene Sache. Alles andere wäre mit Blick auf
die Arbeit einer künftigen Bundestagsfraktion auch schwer zu erklären. Ein
Nichtgelingen hätte verheerende politische Folgen für die Linke insgesamt.
Abgesehen von der Häme der politischen Gegner und der veröffentlichten Meinung,
der keimende Umgruppierungs- und Selbstorganisationsprozess der Linken würde in
weitverbreitete Resignation
Umschlagen. Die Anforderung, die wir im Wahlkampf immer wieder zu hören bekommen
lautet „vergeigt das nicht“. Wie also kriegen wir das hin?
GEHÖRT ZUSAMMEN, WAS DA ZUSAMMENWÄCHST?
Noch vor kurzer Zeit hat sich die WASG mit Schwerpunkt in Westdeutschland als
Organisation in Abgrenzung und Konkurrenz zur PDS gegründet. Ein Teil, vor allem
der gewerkschaftlichen Linken befreite sich aus der babylonischen Gefangenschaft
der SPD und bildete damit den Kristallisationspunkt für eine heterogene Mischung
aus linken Einzelpersonen, darunter auch ehemalige PDS-Mitglieder, Initiativen
und Gruppen wie SAV und Linksruck. Dies geschah in bewusster Abgrenzung zur PDS.
Sie wurde im Wesentlichen mit kultureller Fremdheit der vermeintlichen Ostpartei
im Westen, ihrer historischen Belastung, und zum Teil mit ihrer Politik in den
Landesregierungen in Mecklenburg-Vorpommern und insbesondere in Berlin
begründet.
Die inhaltliche Klammer der WASG-Gründung war die Ablehnung der Agenda 2010. Als
Protestbewegung gegen Hartz IV und als Sammelbewegung der Enttäuschten von
Rot-Grün verzichteten die mehrheitlich aus den Gewerkschaftsmilieu stammenden
Protagonisten bewusst auf die Selbstetikettierung als „links“. Das Programm
reduzierte sich im Wesentlichen auf die Verteidigung sozialer Standards,
sozialistische Ziele wurden dementiert. Die besondere Attraktion dieser Bewegung
für Teile der westdeutschen Linken ebenso wie für Teile der Linkspartei.PDS
besteht in der Chance einer erodierenden Integrationskraft der SPD insbesondere
im Gewerkschaftsbereich. Damit geht es nicht um die Herstellung der „Einheit der
Linken“ wie sie in den Anfangsjahren der PDS gerne in Bezug auf den Westaufbau
diskutiert wurde, sondern um einen Differenzierungs- und Abspaltungsprozeß der
SPD aus sich selbst heraus, an den sich, wie auch schon in früheren Versuchen
(z.B. DS) gerne linke Kleingruppen andocken. Die Chance der Linken besteht daher
im wesentlichen darin, sich nun in einem Milieu in Westdeutschland politisch zu
verankern, dass sie durch die PDS im Osten relativ stabil zu ihrer Wählerbasis
zählen konnte.
Dennoch war das Verhältnis zur PDS schon im Gründungsprozess der WASG
umstritten. Die Frage, ob sich WASG und PDS bei Bundestagswahlen gegenseitig
unter die 5%-Hürde konkurrieren würden lag auf der Hand. Mit dem Ausgang der
NRW-Wahlen, bei der die WASG 2% und die PDS 0,9% erreichten, der Einleitung
vorgezogener Bundestagswahlen, ergriffen Oskar Lafontaine und Gregor Gysi die
Initiative. Mit ihrer Bereitschaftserklärung für eine gemeinsame Variante von
WASG und PDS anzutreten erhöhten sie den Einigungsdruck. Diese
Personenkonstellation erst eröffnete eine öffentliche Debatte und Dynamik, die
zu einer vergleichsweise schnellen Einigung über den Verzicht auf Konkurrenz
beider Organisationen bei den Bundestagswahlen führte. Seitdem haben beide
Organisationen viele Neueintritte zu verzeichnen, die Umfragewerte sind gut bis
fantastisch. Es kann vermutet werden, dass Neumitglieder beider Organisationen
und neue Wählerinnen und Wähler für die offene Liste der Linkspartei.PDS weder
für die WASG noch für die PDS allein gewinnbar wären. Wie es scheint, gibt es
eine Option auf eine neue stärkere gesamtdeutsche Linke jenseits von SPD und
Grünen die größer ist als WASG und PDS. In gewisser Weise gibt es einen
Vertrauensvorschuss auf eine vernünftige Einigung von WASG und Linkspartei.PDS.
Es wächst also etwas zusammen, dass den Nachweis erbringen muss, dass es auch
zusammen längerfristig etwas bewegen kann.
Den Vertrauensvorschuss nicht zu verspielen ist die Herausforderung, nicht nur
der künftigen Bundestagsfraktion, der Parteivorstände, sondern aller
Gliederungen beider Organisationen.
Wenn die These stimmt, dass ein Großteil unserer Wählerinnen und Wähler am 18.
September der Auffassung sind, dass sie eigentlich schon die neue Partei wählen
folgt daraus zweierlei:
Die Vereinigung der beiden Organisationen muss so zügig und transparent
geschehen wie möglich, auch unter in Kaufnahme nicht ausdiskutierter
Differenzen; Und die in Vereinigung befindlichen Organisationen müssen gegenüber
einer neuen Bundesregierung und in den Ländern gemeinsam politikfähig agieren
können.
Ein konkurrierendes Antreten von WASG und Linkspartei.PDS bei den Landtagswahlen
2006 wäre eine politische Dummheit, die die neu gewonnenen Wählerinnen und
Wähler in Scharen wieder vertreiben würde.
WIR FANGEN NICHT BEI NULL AN
Die Linkspartei.PDS ist im Osten eine etablierte Partei, mit einer wechselhaften
Geschichte. Die WASG ist eine junge Organisation, deren programmatische und
strategische Orientierung noch sehr im Unklaren ist. Diskussionen um Staats- und
Oppositionsverständnis, opponieren, tolerieren, regieren, das Verhältnis von
parlamentarischer zu außerparlamentarischer Politik, Politik- und
Kommunikationsstil, Partei oder Bewegung, Verhältnis zur Sozialdemokratie und zu
den Grünen, der Selbstdefinition des Platzes in der Gesellschaft, Reform
und/oder Revolution und vieles anderes mehr wurden in der PDS in den letzten 15
Jahren intensiv geführt. Der aktuelle Stand dieser Debatten sind im
Parteiprogramm und dem Potsdamer Parteitagsbeschluß festgehalten. Wie immer in
pluralistischen Parteien handelt es sich dabei um einen hart erarbeiteten,
innerparteilich mehrheitsfähigen Kompromiss. All diese Debatten waren eng
verwoben mit der Auseinanderssetzung um die Geschichte der SED, der DDR und der
notwendigen Lehren daraus. Es ging um die inhaltliche und personelle Erneuerung
einer erstarrten, historisch geschlagenen Staatspartei zu einer (bundesweiten)
modernen demokratisch sozialistischen Partei und gleichzeitig um die Vertretung
von Interessen vielfach benachteiligter und stigmatisierter ostdeutscher
Bürgerinnen und Bürger. Dieser historisch doch recht anspruchsvolle und
schmerzhafte Prozess kann bis 2002, der Niederlage bei den Bundestagswahlen, als
erstaunliche Erfolgsgeschichte gewertet werden. Der größte Teil der
westdeutschen Linken verhielt sich dazu weitgehend ignorant bis arrogant. Heute
ist es müßig darüber zu klagen, zu vermuten ist aber, dass die WASG sich jetzt
in einem Stadium der Selbstfindung befindet, der weit hinter dem der
Linkspartei.PDS liegt und gleichzeitig das Verständnis für die Geschichte der
PDS, ihre Wahlerfolge im Osten und ihre ostdeutsch geprägte politische Kultur
nur mäßig entwickelt ist.
Der Umstand, dass einige Akteure der WASG selbst einmal Mitglieder der PDS
waren, diese oft im Streit oder auch nur wegen der kulturellen Differenz
verlassen haben, erschweren einen vorurteilsfreien Dialog und eine schnelle
Einigung. Selbstverständlich ist hier die Sorge vorherrschend, man könne sich
allzu schnell in einer gemeinsamen Organisation wieder in der Minderheit
befinden. Misstrauen, durchaus durch Erfahrung begründet, gibt es auf beiden
Seiten. Gleichzeitig gibt es in beiden Organisationen und auch darüber hinaus
eine mehr oder weniger euphorische Stimmung, die reale Chance auf eine
bundesweit starke linke Partei nicht zu verspielen. Die Wahrnahme der Chance
realisiert sich aber nicht einfach mit der organisatorischen Einigung, sondern
mit der politischen Ausstrahlungs- und Wirkungsfähigkeit der neuen linken Kraft.
Das Zeitfenster zur Realisierung ist gemessen an der Herausforderung winzig. Es
ist jetzt geöffnet und schließt sich mit den Landtagswahlen in
Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen Anhalt. Befinden wir uns dann
noch in einer Situation, die festgefahrenen Tarifverhandlungen ähnelt, während
die politische Konkurrenz gegen die schwarze bzw. großkoalitionäre Republik im
Bundesrat kämpft, erbringen wir den Nachweis für das eigene Scheitern.
Verhandlungen über eine Vereinigung von WASG und Linkspartei.PDS sind naturgemäß
auf Bundesebene leichter zu führen. Hier sind die öffentlich und medial
ausstrahlungsfähigen Akteure. Ihre Äußerungen setzen Parameter für Debatte und
Verlauf von Einigung oder Blockade. Sie setzen die Signale für diejenigen
Interessierten am „Projekt neue Linke“, die sich nicht in der Mitglieder-
und/oder Funktionärslogik der beiden Organisationen befinden. Gleichzeitig
tragen sie einen Großteil der Verantwortung dafür, dass die Mitglieder und
Funktionäre, diesen Aufbruch in das für sie Neue und Ungewisse inhaltlich und
organisatorisch mit- und nachvollziehen können. Ein erster inhaltlicher
Minimalkonsens ist das Wahlpogramm Ein zweiter sollte sein, dass es sich bei der
künftigen Partei organisatorisch um eine Mitgliederpartei handelt.
Da es sich bei beiden Organisationen nicht um Monolithe handelt (die
Strömungsauseinandersetzungen in der Linkspartei.PDS werden gerne in der WASG
zitiert, die Differenzen in der WASG werden hier und da bis zur Klageandrohung
laut), es zudem eine offensichtliche Disparität zwischen Mitgliederzahlen in Ost
und West gibt, macht eine langfristige, auf allen Ebenen paritätisch besetzte
Fusionsverhandlung wenig Sinn. Im Gegenteil, die Gefahr der Blockade, der
Ungleichzeitigkeit regionaler Verhandlungsentwicklungen steigt. Bornierte
Organisationsinteressen, ideologische Spiegelfechtereien drohen die
ausstrahlungsfähige Dynamik zu verdrängen. Das Resultat würde sein, was die PDS
rund um den Geraer Parteitag erlebte, nicht über die Politik, allenfalls über
den inneren Streit wird berichtet.
Eine grundsätzliche und umfassende programmatische und strategische Klärung als
Voraussetzung für die Vereinigung würde diese auf einen fernen und ungewissen
Zeitpunkt vertagen. Die Erfahrungen mit der Programmdebatte der PDS sprechen für
sich selbst. Es bietet sich folglich ein möglichst einfaches Szenario an, wollen
wir der geneigten Öffentlichkeit keine unendliche Geschichte vorpielen:
a) Die Bundesvorstände von WASG und Linkspartei.PDS bilden unter Hinzuziehung
von Mitgliedern der neuen Bundestagsfraktion eine Kommission zur Erarbeitung
einer inhaltlichen Vereinigungsplattform. Grundlage für die Erarbeitung sind die
Programme beider Organisationen und auf Bundesebene beschlossenen
Strategiedokumente.
b) Ergebnis sollte die Einigung auf einige wenige zentrale programmatische
Grundaussagen und die generelle strategische Orientierung sein.
c) Mit diesem Dokument sollte die Urabstimmung in beiden Organisationen
durchgeführt werden. Beide Bundesvorstände beauftragen eine gemeinsame
Statutenkommission, die aus beiden Statuten einen gemeinsamen Vorschlag
entwickeln.
d) Ist die Urabstimmung erfolgreich verlaufen, ist nach einem für beide
Organisationen gleichen Delegiertenschlüssel für einen gemeinsamen
Bundesparteitag einzuladen, die Vereinigungsplattform als vorläufiges Programm,
ein neues Statut zu beschließen und einen Bundesvorstand zu wählen. Die
Landesverbände folgen diesem Prinzip.
Die weitere inhaltliche und strategische Klärung erfolgt dann in der gemeinsamen
Partei. In der Folge zählt dann nicht der Zwang der organisatorischen Herkunft,
sondern der zwanglose Zwang des besseren Arguments in der Auseinandersetzung um
innerparteiliche Mehrheiten. Das Grundprinzip ein Mitglied, eine Stimme,
verbunden mit statutarisch verbrieften Minderheitenschutzrechten und
innerparteilicher Koalitionsfreiheit ist das demokratischste. Zudem beugt es der
Gefahr vor, dass diejenigen Interessierten, die sich bislang weder in der PDS
noch in der WASG organisiert haben, nur Betrachter des Prozesses bleiben.
Das kurzfristige Resultat wäre: die neue Partei ist in den westlichen
Bundesländern WASG-dominiert in den östlichen PDS-dominiert. Insgesamt auf der
Grundlage der aktuellen Mitgliederzahlen bundesweit PDS-dominiert. Dafür bringt
die PDS aber auch 6 Landtagsfraktionen, das Geld und die Infrastruktur mit. Auch
kein schlechtes Geschäft.
DER BERLINER SONDERFALL
Berlin gilt in dem ganzen Prozess gemeinhin als besonders schwieriger Fall.
WASG-Berlin und PDS-Berlin haben bisher nur eine ins Auge stechende
Gemeinsamkeit, beide sind in ihren Bundesparteien nicht ganz unumstritten. In
Berlin war der Kern der WASG eine bewusste Gegengründung zur PDS. Ihr erklärtes
Ziel war die Abwahl von Rot-Rot und damit auch der Kampf gegen die PDS als
Regierungspartei.
2001 mit einem sensationellen Wahlergebnis in Folge des Bankenskandals der Große
Koalition und mit dem Spitzenkandidaten Gregor Gysi in die Landesregierung mit
der SPD gekommen, galt die Berliner PDS der eigenen Partei kurzfristig als
möglicher Leuchtturm gestaltender linker Politik. Die Euphorie war groß, geschah
dies doch in der ehemaligen Frontstadt des Kalten Krieges, der Stadt in der die
Mauer stand. Die Euphorie war kurz, befand sich dieses Bundesland doch in einer
extremen Haushaltsnotlage. Die Bundestagswahlen 2002 gingen nach dem Rücktritt
Gregor Gysis für die PDS verloren, die innerparteiliche Suche nach den
Schuldigen, ließ bei vielen die Wahl auf die Berliner Regierungsbeteiligung
fallen. Die Umfragewerte der PDS sanken in den Keller. Das Erklären von
politischen Entscheidungen, ein offensives Vertreten derselben verkam in einer
innerparteilichen Atmosphäre der Anklage und des Verdachts zu mehr oder weniger
hilfloser Rechtfertigung in der Regel eigentlich vernünftigen politischen Tuns
in der Sache. Gleichzeitig aber wurde die Berliner PDS mit der Forderung
belastet in der öffentlichen Darstellung einen Teil des Verlustes der
Bundestagsfraktion zu kompensieren.Die Debatte des ob und des wie von
Regierungsbeteiligungen, die eigentlich überwunden schien, flammte erneut auf
und mischte sich mit der Kritik an realen und vermeintlichen Entscheidungen der
Berliner PDS in der Regierung.
Angesichts der immensen realen Probleme in der Sach- und Fachpolitik auf
Landesebene, die von einer Regierungspartei in einem Haushaltsnotlageland
bearbeitet werden müssen, der Konflikte die in der Koalition zu führen und zu
bearbeiten sind, der Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Opposition und der
innerparteilichen Krisen ist leicht erklärlich, dass ein Abwahlbegehren im
wesentlichen von ehemaligen PDS-Mitgliedern mit initiiert, kein freundliches
Kopfnicken hervorruft. Dennoch müssen wir, insbesondere Landesvorstand und
Abgeordnetenhausfraktion der Berliner Linkspartei.PDS feststellen, dass es nicht
hinreichend gelungen ist, das Zustandekommen von Entscheidungen der rot-roten
Regierung transparent zu machen und zu kommunizieren.
Vieles an der Kritik der Berliner Regierungspolitik in der Linkspartei.PDS und
der WASG ist der Unkenntnis über die konkreten Rahmenbedingungen in Berlin, der
Grenzen und Möglichkeiten einer Landesregierung und der Konfliktmechanismen in
einer Koalition geschuldet. Viele kritische und gut gemeinte Hinweise aus der
Linkspartei.PDS, zum Teil auch der WASG, zur praktischen Regierungsarbeit, mögen
abstrakt plausibel klingen, sind aber nach unserer Einschätzung nicht umsetzbar
oder durchsetzbar. Zweifellos hat die Berliner Linkspartei.PDS in der
Regierungsarbeit auch Fehler gemacht. Eine kritische Würdigung der Gesamtbilanz
der rot-roten Regierungsarbeit und des Anteils der Linkspartei.PDS ist
erforderlich.
Schwierig wird die Auseinandersetzung aber da, wo auf den Austausch von
Argumenten verzichtet wird. So wurde z.B. der immer wiederkehrende Vorwurf der
WASG Berlin, die Berliner Linkspartei.PDS wäre neoliberal, damit begründet, sie
würde den landeseigenen Krankenhaus-Betrieb Vivantes zerschlagen und die BVG
privatisieren wollen. Auf den mehrfachen und belegbaren Hinweis, der im Übrigen
in jeder Berliner Tageszeitung nachlesbar ist, dass gerade die Berliner
Linkspartei.PDS dies verhindert, lautet die lapidare Antwort: “Glauben wir
nicht“.
Manch böses Wort ist gefallen, und vieles war auch so gemeint. Das beweisen auch
einige aktuelle Diskussionspapiere aus der WASG zu einer möglichen
Vereinigsperspektive. Gäbe es den Bundestrend und die damit verbundenen
politischen Chancen für die gesamte Linke nicht, wäre auf der Berliner Ebene
eine Vereinigung von WASG und Linkspartei.PDS kein Thema.
Wenn auch gemessen am Bundesmaßstab der Berliner Sonderfall wie eine lästige
Provinzposse erscheint, kann sie in der Perspektive schwerwiegenden Schaden am
Gesamtprojekt anrichten. Insbesondere durch einen konkurrierenden Wahlantritt
bei den Landtagswahlen 2006. Gleichzeitig ist hier der aktuell zugespitzteste
Strategiekonflikt zwischen WASG- Mehrheit und PDS-Mehrheit zu finden. Eine
Klärung ist deshalb im Sinne der „übergeordneten Idee“ zwingend erforderlich.
Um eine seriöse Debatte auch im WASG- und unorganiserten Teil der künftigen
gemeinsamen Partei über die Erfolge, Probleme und strategischen Gehalt der
Beteiligungen an Landesregierung zu erreichen, sollte die neue
Bundestagsfraktion schnellstmöglich zu einem ausführlichen Beratungstermin mit
den SenatorInnen und MinisterInnen der Linkspartei.PDS sowie deren
Fraktionsvorsitzenden und Landesvorsitzenden einladen.
Die Bundesebene führt die Verhandlungen zur Vereinigung der Parteien, sie muss
sich in diesem Konflikt positionieren. Auch und gerade mit Blick auf den
Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt, wo es um die mögliche Ablösung der
CDU-Regierung geht.
DAS BERLINER ANGEBOT
Was aber kann in Berlin getan werden? Der gemeinsame Bundestagswahlkampf hat
zumindest die Gesprächsunfähigkeit zwischen der örtlichen WASG und
Linkspartei.PDS teilweise aufgebrochen. Dennoch zeigt die Mehrzahl der
WASG-Diskussionspapier, dass der Politikstil des Ultimativen weiterhin
vorherrschend ist. Manches riecht nach Scheinverhandlungen, in denen das
Scheitern programmiert werden soll. Forderungen werden erhoben, deren Erfüllung
eine sofortige Beendigung der Koalition zur Folge haben müssten. Von Parität und
Augenhöhe ist die Rede, was in der Konsequenz bedeutet, dass die Stimme eines
WASG-Mitgliedes ca. zehnmal mehr Wert sein soll, als die eines Linkspartei.PDS –
Mitglieds. Gleichzeitig ist die „Strömungslage“ innerhalb der Berliner- WASG im
Verhältnis zur eigenen Bundespartei und im Verhältnis zur Linkspartei.PDS
rapiden Wandlungen unterworfen.
Der erste Schritt kann also nur sein, offene Gesprächsfähigkeit herzustellen.
Der Minimalkonsens auf Berliner Ebene sollte sein, die Vereinigungsbemühungen
auf Bundesebene nicht gefährden zu wollen.
Die Berliner Linkspartei.PDS bietet der WASG Gespräche auf Experten- bzw.
Arbeitskreisebene an zur inhaltlichen Klärung für die Berliner Landespolitik.
Das Modell öffentlicher Veranstaltungen, in denen sich die Podiumsdiskutanten
unter Pfiffen und Beifall der jeweiligen Gefolgschaft zur eitlen Pose hinreißen
lassen, haben wir schon erfolglos praktiziert. Sofern es um die Aufklärung von
Gemeinsamkeiten und Differenzen in der Sache geht ist der geschützte Raum, in
dem sich 5-10 Personen jeder Seite mit Fakten und Argumenten beschäftigen,
erfahrungsgemäß der bessere Weg.
Themen sollten z.B. sein:
a) Gibt es Alternativen zur Konsolidierung des Berliner Haushalts (Was ist der
Rahmen, wo liegen Spielräume, was ist das Ziel von Haushaltspolitik)
b) Bankenskandal und die Folgen (Risikoabschirmung)
c) Umgang mit Landeseigenen Unternehmen
d) Zukunft des öffentlichen Dienstes (Personalentwicklung, Bürgerfreundlichkeit,
interkulturelle Öffnung)
e) Umgang mit Hartz IV
f) Soziale Stadt und Integration
g) Perspektiven in der Bildungspolitik
h) Wer soll das Land Berlin ab 2006 regieren? Zu diesem letzten Thema wäre eine
öffentliche Veranstaltung unter Einbeziehung der Bundesebene denkbar.
Es ist selbstverständlich nicht zu erwarten, dass alle politischen Differenzen
über diesen Weg ausräumbar sind. Möglich aber ist, dass eine sachliche Reduktion
von Differenzen auf ein Maß stattfindet, dass die Zusammenarbeit in einer
gemeinsamen Organisation ermöglicht. Der Streit um das Ob und Wie einer
Fortsetzung der Regierungsbeteiligung in Berlin wird, ebenso wie die generelle
strategische Orientierung der Linken, in der Linkspartei.PDS allein, wie auch in
einer gemeinsamen Partei kaum ein schnelles Ende finden.
ZU DEN AUTORINNEN:
Udo Wolf (MdA), Mitglied des Landesvorstandes der Linkspartei.PDS Berlin;
Stefan Liebich (MdA) Landesvorsitzender der Linkspartei.PDS Berlin;
Halina Wawzyniak, stellvertretende Landesvorsitzende der Linkspartei.PDS Berlin;
Carsten Schatz, Landesgeschäftsführer der Linkspartei.PDS Berlin
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